Rückenschmerzen kennen fast alle Menschen irgendwann in ihrem Leben. Nach Gartenarbeit zieht es im unteren Rücken, nach einem langen Tag am Schreibtisch fühlt sich die Wirbelsäule verspannt an oder eine ungewohnte Bewegung sorgt dafür, dass man sich einige Tage nur vorsichtig drehen möchte. Meistens verschwinden solche Beschwerden wieder oder werden zumindest durch Entlastung und etwas Ruhe angenehmer. Bei Morbus Bechterew kann sich Rückenschmerz jedoch ganz anders verhalten. Gerade längeres Sitzen und Liegen können die Beschwerden verstärken, während Bewegung häufig Erleichterung bringt. Manche Betroffene werden in der zweiten Nachthälfte wach, weil der untere Rücken oder das Gesäß schmerzt, stehen morgens steif auf und brauchen erst einmal einige Zeit, bis sich der Körper wieder beweglicher anfühlt.
Diese Besonderheit ist wichtig, weil Morbus Bechterew häufig schon im jungen Erwachsenenalter beginnt. Ein Mensch Anfang zwanzig, dreißig oder vierzig denkt bei hartnäckigen Rückenschmerzen meistens nicht zuerst an eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, und auch im medizinischen Alltag sind gewöhnliche Rückenprobleme sehr viel häufiger. Deshalb kann es dauern, bis hinter den Beschwerden eine axiale Spondyloarthritis erkannt wird. Die Rheumatologie der Charité beschreibt genau dieses Problem und bietet deshalb sogar eine spezielle Früherkennung für Menschen mit chronischen Rückenschmerzen und Verdacht auf eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung an.
Dabei ist eine frühe Einordnung wichtig, weil Morbus Bechterew heute deutlich besser behandelt werden kann, als es alte Bilder von einem vollständig versteiften und stark gekrümmten Rücken vermuten lassen. Die Erkrankung ist chronisch und bisher nicht heilbar, aber sie ist behandelbar. Medikamente können die Entzündung bremsen, Physiotherapie und regelmäßige Bewegung helfen dabei, Beweglichkeit und Kraft zu erhalten, und viele Menschen führen trotz der Diagnose ein aktives Berufs- und Familienleben. Auch die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew räumt aktuell mit der Vorstellung auf, dass Betroffene zwangsläufig vollständig versteifen oder irgendwann im Rollstuhl landen müssten. Der Verlauf kann sehr unterschiedlich sein und schwere Veränderungen treten keineswegs bei jedem Menschen auf.
Merkkasten: Das Wichtigste zuerst
Morbus Bechterew ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die besonders die Gelenke zwischen Becken und Kreuzbein sowie die Wirbelsäule betrifft. Der typische Rückenschmerz wird nach längerer Ruhe häufig stärker und durch Bewegung besser. Die Erkrankung kann jedoch weit mehr verursachen als Rückenschmerzen, denn auch Sehnenansätze, Hüften, Knie, Augen, Haut und Darm können beteiligt sein. Eine vollständige Versteifung der Wirbelsäule ist möglich, aber keineswegs zwangsläufig.
Morbus Bechterew, axiale Spondyloarthritis und ankylosierende Spondylitis – warum gibt es so viele Namen?
Wer zum ersten Mal einen rheumatologischen Befund liest, begegnet schnell mehreren Begriffen für eine Erkrankung, die ohnehin schon kompliziert genug erscheint. Der traditionelle Name Morbus Bechterew ist weiterhin weit verbreitet. In Arztbriefen findet man häufig auch ankylosierende Spondylitis, abgekürzt AS. Heute wird darüber hinaus meistens vom größeren Krankheitsbild der axialen Spondyloarthritis, kurz axSpA, gesprochen.
Das Wort „axial“ beschreibt vereinfacht die Körperachse. Gemeint sind vor allem die Kreuzdarmbeingelenke tief im Becken und die Wirbelsäule. Die axiale Spondyloarthritis umfasst unterschiedliche Ausprägungen derselben Krankheitsfamilie. Bei einem Teil der Betroffenen sind bereits typische Veränderungen an den Kreuzdarmbeingelenken im normalen Röntgenbild sichtbar. Diese Form wird röntgenologische axiale Spondyloarthritis genannt und entspricht weitgehend dem klassischen Morbus Bechterew beziehungsweise der ankylosierenden Spondylitis.
Bei anderen Menschen passen Beschwerden und Untersuchung bereits sehr gut zu einer axialen Spondyloarthritis, im normalen Röntgenbild sind jedoch noch keine entsprechenden Veränderungen zu sehen. Dann spricht man von einer nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis, kurz nr-axSpA. Eine Entzündung kann trotzdem vorhanden sein und sich beispielsweise in einer Magnetresonanztomografie, dem MRT, zeigen.
Gerade an dieser Stelle ist eine ältere Vorstellung missverständlich. Die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis ist nicht einfach eine Vorstufe, die zwangsläufig irgendwann zum klassischen Morbus Bechterew werden muss. Bei einem Teil der Betroffenen entstehen im Laufe der Jahre Veränderungen, die später auch im Röntgenbild sichtbar werden, bei anderen bleiben solche Veränderungen aus. Trotzdem können Schmerzen, Morgensteifigkeit, Erschöpfung und andere Beschwerden erheblich sein. Ein unauffälliges Röntgenbild bedeutet deshalb nicht automatisch, dass keine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung vorliegen kann.
Wo Morbus Bechterew häufig beginnt: tief im Becken an den Kreuzdarmbeingelenken
Eine zentrale Rolle spielen die beiden Kreuzdarmbeingelenke, die auch Iliosakralgelenke oder kurz ISG genannt werden. Sie liegen tief im Becken und verbinden das Kreuzbein am unteren Ende der Wirbelsäule mit den beiden Darmbeinen des Beckens. Diese Gelenke sind wesentlich weniger beweglich als Knie oder Schulter, müssen aber bei nahezu jeder Bewegung Kräfte zwischen Beinen, Becken und Wirbelsäule übertragen.
Bei einer axialen Spondyloarthritis kann sich genau dieser Bereich entzünden. Eine Entzündung des Kreuzdarmbeingelenks wird Sakroiliitis genannt. Typisch können tief sitzende Schmerzen im unteren Rücken oder im Gesäß sein. Manche Menschen beschreiben den Schmerz zunächst gar nicht als klassischen Rückenschmerz, sondern als unangenehmes Ziehen tief in einer Gesäßhälfte. Der Schmerz kann auch einmal stärker rechts und zu einem anderen Zeitpunkt stärker links auftreten.
Diese wechselnden Gesäßschmerzen sind deshalb ein wichtiges Detail, das Sie bei einem Arzttermin erwähnen sollten. Sie können leicht mit einem Problem des Ischiasnervs, einer Muskelverspannung oder einer Blockierung verwechselt werden. Erst das gesamte Muster aus Alter beim Beschwerdebeginn, Dauer, Morgensteifigkeit, nächtlichen Schmerzen, Besserung bei Bewegung und möglichen weiteren Beschwerden ergibt ein klareres Bild.
Warum der entzündliche Rückenschmerz in Ruhe häufig unangenehmer wird
Eines der auffälligsten Merkmale ist das Verhalten der Beschwerden. Bei einer gewöhnlichen Überlastung tut es häufig gut, den Rücken eine Weile zu schonen. Beim entzündlichen Rückenschmerz kann längere Ruhe dagegen genau das Gegenteil bewirken. Nach mehreren Stunden Sitzen oder Liegen fühlt sich die Wirbelsäule zunehmend steif an und der Schmerz kann stärker werden.
Deshalb werden manche Betroffene nachts wach und müssen ihre Position verändern oder sogar aufstehen und ein wenig umhergehen, bevor es wieder angenehmer wird. Besonders die zweite Nachthälfte kann störend sein. Am Morgen fühlt sich der Rücken häufig zunächst unbeweglich an und braucht Bewegung, bis er wieder lockerer wird. Diese Morgensteifigkeit kann deutlich länger dauern als das normale Gefühl, nach dem Aufstehen erst einmal etwas „eingerostet“ zu sein.
Im Laufe des Tages kann sich der Rücken dagegen unter Bewegung verbessern. Genau dieser Zusammenhang gehört zu den Merkmalen, auf die auch die Charité bei der Früherkennung einer axialen Spondyloarthritis achtet: länger bestehender Rückenschmerz mit Beginn vor dem 45. Lebensjahr, Morgensteifigkeit und nächtliches Erwachen, wobei Bewegung Erleichterung bringt.
Nicht jeder Mensch mit Morbus Bechterew hat alle diese Beschwerden und nicht jeder nächtliche Rückenschmerz bedeutet automatisch Rheuma. Auffällig wird vor allem die Kombination, besonders wenn die Beschwerden bereits über Monate bestehen.
Der Brustkorb kann ebenfalls steifer werden
Morbus Bechterew betrifft nicht nur die Lendenwirbelsäule. Entzündungen können ebenso die Brustwirbelsäule und die kleinen Verbindungen zwischen Rippen und Wirbelsäule betreffen. Diese Gelenke bewegen sich normalerweise bei jedem Atemzug ein wenig mit. Dadurch kann sich der Brustkorb beim Einatmen ausdehnen.
Werden diese Bereiche zunehmend steif, kann sich das Gefühl entwickeln, der Brustkorb sei weniger beweglich. Manche Betroffene spüren Schmerzen am Brustbein oder an den Rippenansätzen und denken zunächst an Herz, Lunge oder eine Muskelverspannung. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew nennt Schmerzen am Brustbein und eine eingeschränkte Brustkorbbeweglichkeit ausdrücklich als mögliche Beschwerden der Erkrankung.
Gerade deshalb sind bei Morbus Bechterew nicht nur Übungen für den unteren Rücken wichtig. Physiotherapie und selbstständige Bewegung sollten auch Brustwirbelsäule, Schultergürtel, seitliche Bewegungen und die Ausdehnung des Brustkorbs einbeziehen. Atemübungen können dazu beitragen, die vorhandene Beweglichkeit der Rippen möglichst gut zu nutzen. Die aktuellen Bewegungsangebote der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew verbinden deshalb Wirbelsäulenbewegung, Brustkorbmobilisation und bewusstes tiefes Atmen.
Auch Nacken und obere Wirbelsäule können betroffen sein
Bei einer fortschreitenden Erkrankung können grundsätzlich verschiedene Abschnitte der Wirbelsäule betroffen sein. Beschwerden müssen deshalb nicht dauerhaft im unteren Rücken bleiben. Nacken und obere Brustwirbelsäule können ebenfalls steif oder schmerzhaft werden.
Dieser Punkt ist gerade bei Frauen wichtig, weil sich die Erkrankung bei ihnen teilweise weniger nach dem klassischen Lehrbuchbild präsentiert. Bei Frauen können Beschwerden an der Halswirbelsäule, im oberen Rücken, an Sehnenansätzen oder an Gelenken außerhalb der Wirbelsäule stärker im Vordergrund stehen. Genau deshalb wurde Morbus Bechterew früher bei Frauen häufiger übersehen oder erst spät erkannt. Die aktuelle Aufklärung der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew betont ausdrücklich, dass die Erkrankung keine reine Männerkrankheit ist und bei Frauen andere Bereiche früh auffallen können.
Morbus Bechterew ist keine reine Männerkrankheit
Das alte Bild des jungen Mannes mit zunehmend versteiftem Rücken hat sich sehr hartnäckig gehalten. Dadurch entstand der falsche Eindruck, Frauen seien nur selten betroffen. Heute weiß man, dass Frauen ebenfalls eine axiale Spondyloarthritis entwickeln können. Gerade bei der nicht-röntgenologischen Form sind Frauen und Männer wesentlich ähnlicher vertreten, während bei der röntgenologisch sichtbaren Form Männer etwas häufiger sind.
Frauen können außerdem lange erhebliche Beschwerden haben, ohne dass sich früh die klassischen Veränderungen im Röntgenbild zeigen. Schmerzen an Sehnenansätzen, Hüften, Knien, Halswirbelsäule oder Brustwirbelsäule können stärker auffallen. Deshalb sollte ein unauffälliges Röntgenbild bei einer Frau mit passenden Beschwerden nicht automatisch dazu führen, eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung auszuschließen.
Schmerzen an Ferse und Sehnenansätzen können ein wichtiger Hinweis sein
Zur Spondyloarthritis gehören besonders häufig Entzündungen an Stellen, an denen Sehnen oder Bänder am Knochen befestigt sind. Solche Stellen werden Sehnenansätze genannt, eine Entzündung dort heißt Enthesitis.
Ein besonders typischer Bereich ist die Ferse. Der Ansatz der Achillessehne an der Rückseite der Ferse oder die Unterseite des Fußes können stark druck- und belastungsempfindlich werden. Morgens können die ersten Schritte besonders unangenehm sein. Solche Beschwerden werden verständlicherweise häufig zunächst als Überlastung, falscher Schuh oder Sportverletzung betrachtet.
Treten wiederkehrende Fersenbeschwerden jedoch gemeinsam mit typischen entzündlichen Rückenschmerzen auf, bekommt dieses scheinbar kleine Detail eine andere Bedeutung. Auch die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew nennt gerade Sehnenansatzentzündungen und Fersenbeschwerden als mögliche Erscheinungen außerhalb der Wirbelsäule.
Sehnenansätze gibt es natürlich an vielen Stellen des Körpers. Auch am Becken, an den Rippen, Ellenbogen oder anderen Bereichen können Beschwerden auftreten. Deshalb lohnt es sich, wiederkehrende schmerzhafte Ansatzstellen beim Rheumatologietermin zu erwähnen.
Hüften und Knie können ebenfalls entzündet sein
Obwohl der Name „axiale Spondyloarthritis“ den Schwerpunkt auf die Körperachse legt, können zusätzlich Gelenke außerhalb der Wirbelsäule betroffen sein. Besonders Hüften und Knie spielen eine Rolle. Häufig sind nicht viele kleine Gelenke gleichzeitig symmetrisch entzündet, wie es beispielsweise bei einer rheumatoiden Arthritis vorkommen kann, sondern einzelne größere Gelenke.
Eine Hüftentzündung verdient besondere Aufmerksamkeit, weil das Hüftgelenk für nahezu jede Fortbewegung wichtig ist. Schmerzen dort können das Gehen, Treppensteigen, Aufstehen und sportliche Aktivitäten stark einschränken. Eine länger anhaltende Entzündung kann außerdem zu dauerhaften Gelenkveränderungen führen.
Wenn bei Ihnen neben Rückenschmerzen plötzlich ein Knie deutlich anschwillt oder eine Hüfte über längere Zeit schmerzt, sollte dies deshalb nicht automatisch als getrenntes orthopädisches Problem betrachtet werden. Bei einer bekannten axialen Spondyloarthritis gehört diese Information auch in die rheumatologische Behandlung.
Fatigue bedeutet mehr als gewöhnliche Müdigkeit
Viele Menschen mit Morbus Bechterew berichten neben Schmerzen über eine ausgeprägte Erschöpfung. Dafür wird häufig der Begriff Fatigue verwendet. Gemeint ist eine Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die sich nicht immer durch eine gute Nacht vollständig beheben lässt.
Mehrere Dinge können dabei zusammenkommen. Eine aktive entzündliche Erkrankung kann den gesamten Körper beanspruchen. Gleichzeitig wird der Schlaf durch nächtliche Rückenschmerzen immer wieder gestört. Wer mehrere Nächte nicht richtig durchschläft, startet bereits erschöpft in den Tag. Hinzu kommen möglicherweise Medikamente, berufliche Belastung, psychischer Stress oder eine nach längeren Schmerzphasen abgenommene körperliche Kondition.
Deshalb sollte starke Erschöpfung nicht einfach mit dem Satz „Das gehört zum Rheuma“ beendet werden. Es lohnt sich zu prüfen, ob die Erkrankung ausreichend kontrolliert ist und ob zusätzlich andere Ursachen wie Blutarmut, Schilddrüsenprobleme, Schlafstörungen oder Medikamentennebenwirkungen hinzukommen.
Warum HLA-B27 wichtig ist, aber keine Diagnose stellt
Bei Morbus Bechterew fällt früher oder später fast immer der Begriff HLA-B27. Dabei handelt es sich um ein Merkmal, das bei vielen Betroffenen vorkommt und vererbt werden kann. Es hilft dem medizinischen Team deshalb dabei, das Gesamtbild besser einzuordnen.
Wichtig ist jedoch zu verstehen, was ein positiver Befund nicht bedeutet. Ein positiver HLA-B27-Wert heißt nicht automatisch, dass Sie Morbus Bechterew haben oder irgendwann bekommen werden. Viele Menschen tragen HLA-B27 ihr ganzes Leben, ohne jemals an einer axialen Spondyloarthritis zu erkranken.
Umgekehrt kann Morbus Bechterew auch bei einem Menschen auftreten, bei dem HLA-B27 nicht nachgewiesen wird. Der Blutwert ist deshalb ein Hinweis, aber kein Bechterew-Test. Die Deutsche Rheuma-Liga betont ausdrücklich, dass einzelne Laborwerte wie HLA-B27 nur ein Teil der Diagnose sind und immer gemeinsam mit Beschwerden und weiteren Befunden betrachtet werden müssen.
Merkkasten: HLA-B27 ist ein Puzzleteil
Ein positiver HLA-B27-Wert kann eine axiale Spondyloarthritis wahrscheinlicher machen, wenn gleichzeitig typische Beschwerden bestehen. Allein aus diesem Blutwert lässt sich Morbus Bechterew jedoch weder sicher feststellen noch ausschließen.
Ist Morbus Bechterew erblich?
In manchen Familien treten Spondyloarthritiden häufiger auf. Das bedeutet jedoch nicht, dass Morbus Bechterew wie eine klassische Erbkrankheit von einem Elternteil automatisch an ein Kind weitergegeben wird.
Vererbt werden können bestimmte Voraussetzungen, die das Risiko erhöhen. HLA-B27 ist eine davon, aber nicht die einzige. Selbst innerhalb einer Familie können deshalb mehrere Menschen HLA-B27 tragen und nur einer davon erkranken.
Für Eltern mit Morbus Bechterew bedeutet die Diagnose daher nicht automatisch, dass ihre Kinder ebenfalls erkranken werden. Ohne Beschwerden besteht normalerweise auch kein Grund, einem Kind allein aufgrund der elterlichen Diagnose eine Krankheit zuzuschreiben. Entscheidend ist vielmehr, bei später auftretenden typischen Beschwerden die familiäre Vorgeschichte zu erwähnen.
Warum die Erkrankung entsteht
Eine einzige einfache Ursache gibt es nicht. Der Körper entwickelt eine anhaltende Entzündungsreaktion, die sich besonders an Kreuzdarmbeingelenken, Wirbelsäule und Sehnenansätzen bemerkbar macht. Eine erbliche Veranlagung spielt eine Rolle, reicht allein aber nicht aus, um zu erklären, warum ein bestimmter Mensch erkrankt und ein anderer nicht.
Wichtig ist vor allem, daraus keine persönliche Schuldfrage zu machen. Morbus Bechterew entsteht nicht, weil Sie falsch gegessen haben, zu wenig Sport gemacht haben oder über längere Zeit Stress hatten. Eine bestimmte Diät hätte die Erkrankung ebenso wenig sicher verhindert.
Sehr wohl gibt es aber Dinge, die nach der Diagnose für den weiteren Umgang wichtig werden. Bewegung kann dazu beitragen, Beweglichkeit und Kraft zu erhalten, während Rauchen für Menschen mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung besonders ungünstig ist. Die Behandlung richtet sich deshalb nicht nur auf Medikamente, sondern auch auf beeinflussbare Bereiche des Alltags.
Warum die Wirbelsäule bei manchen Menschen steifer werden kann
Morbus Bechterew gehört zu den wenigen Erkrankungen, bei denen Entzündung und zusätzliche Knochenbildung nebeneinander vorkommen können. Der Körper kann an bestimmten entzündeten Bereichen neues Knochengewebe bilden. Dieses entsteht jedoch nicht unbedingt dort, wo es hilfreich wäre.
Zwischen einzelnen Wirbeln können sich im Laufe der Zeit knöcherne Verbindungen entwickeln. Bereiche, die eigentlich beweglich sein sollten, werden dadurch zunehmend unbeweglicher. Dieser Prozess erklärt den Begriff ankylosierende Spondylitis: Die Wirbelsäule kann durch die Erkrankung zunehmend versteifen.
Das passiert allerdings nicht innerhalb weniger Monate und vor allem nicht bei jedem Menschen gleich. Manche Betroffene entwickeln über Jahrzehnte nur geringe Veränderungen, während andere stärkere Verknöcherungen bekommen. Eine frühe und passende Behandlung, Bewegung und regelmäßige Verlaufskontrollen sollen dazu beitragen, Funktion und Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten.
Ein Rundrücken ist möglich, aber keineswegs vorprogrammiert
Bei einer ausgeprägten und lange bestehenden Versteifung kann die Wirbelsäule zunehmend in einer nach vorne gebeugten Position fixiert werden. Das klassische Bild eines Menschen mit stark gekrümmter Brustwirbelsäule ist deshalb tatsächlich mit Morbus Bechterew verbunden.
Dieses Bild sollte jedoch nicht als persönlicher Blick in die Zukunft verstanden werden. Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich erheblich verändert. Entzündung kann heute deutlich gezielter behandelt werden, Physiotherapie beginnt früher und Betroffene werden ausdrücklich dazu angehalten, Bewegung dauerhaft in ihren Alltag einzubauen. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew bezeichnet die Vorstellung, jeder Betroffene würde vollständig versteifen, heute ausdrücklich als Mythos.
Eine aufrechte Haltung wird dabei nicht dadurch erreicht, dass man sich den ganzen Tag steif „gerade hält“. Sinnvoller sind Beweglichkeit, kräftige Rumpf- und Rückenmuskeln, eine bewegliche Brustwirbelsäule und ein Arbeitsplatz, der häufige Positionswechsel ermöglicht.
Wie die Diagnose gestellt wird
Morbus Bechterew lässt sich nicht mit einem einzigen Test beweisen. Die Diagnose entsteht vielmehr dadurch, dass mehrere Hinweise zusammenpassen. Deshalb beginnt eine gute Abklärung mit einem ausführlichen Gespräch über die Beschwerden.
Wichtig sind dabei nicht nur Stärke und Ort des Rückenschmerzes. Für die Rheumatologie ist interessant, wann die Beschwerden begonnen haben, wie lange sie schon bestehen, ob der Rücken morgens länger steif ist, ob Sie nachts aufwachen und ob Bewegung die Beschwerden verbessert. Ebenso wichtig können wechselnde Gesäßschmerzen, Fersenschmerzen, ein geschwollenes Knie, eine frühere Augenentzündung, Schuppenflechte oder länger bestehende Darmprobleme sein. Auch Erkrankungen in der Familie können einen wichtigen Hinweis geben. Die Charité nutzt genau solche Merkmale für ihre Früherkennung von Menschen mit Verdacht auf axiale Spondyloarthritis.
Anschließend wird die Beweglichkeit untersucht. Dabei geht es um Lenden-, Brust- und Halswirbelsäule, Hüftbeweglichkeit, Brustkorbausdehnung sowie mögliche schmerzhafte Gelenke und Sehnenansätze. Solche Untersuchungen sind nicht nur für die Diagnose wichtig, sondern später auch dafür, Veränderungen im Verlauf zu erkennen.
Der Schober-Test zeigt Beweglichkeit, aber diagnostiziert keinen Morbus Bechterew
Beim sogenannten Schober-Test wird gemessen, wie beweglich sich der untere Rücken beim Vorbeugen verhält. Bestimmte Punkte werden markiert und der Abstand wird in aufrechter und gebeugter Haltung verglichen.
Ein eingeschränkter Wert kann zeigen, dass die Lendenwirbelsäule weniger beweglich ist. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass Morbus Bechterew vorliegt. Auch andere Rückenprobleme können Beweglichkeit einschränken, während ein Mensch mit einer frühen axialen Spondyloarthritis noch eine gute Beweglichkeit haben kann.
Deshalb eignet sich der Schober-Test nicht als Heimtest, mit dem Sie selbst eine Diagnose stellen sollten. Er ist eine von mehreren Möglichkeiten, Beweglichkeit im Rahmen einer Untersuchung zu beurteilen.
Entzündungswerte können normal sein
Bei einer Blutuntersuchung werden häufig Entzündungswerte wie das C-reaktive Protein, kurz CRP, bestimmt. Ein erhöhter Wert kann dazu passen, dass im Körper gerade eine Entzündung aktiv ist.
Ein normaler CRP-Wert bedeutet jedoch nicht automatisch, dass keine axiale Spondyloarthritis vorliegt. Gerade bei dieser Erkrankung können Betroffene typische Beschwerden haben, obwohl die üblichen Entzündungswerte nicht auffällig erhöht sind.
Deshalb sollte ein normaler Laborbefund nicht mit dem Satz gleichgesetzt werden: „Dann kann es kein Rheuma sein.“ Auch hier zählt das gesamte Bild aus Beschwerden, Untersuchung, HLA-B27 und gegebenenfalls Bildgebung.
Warum das Röntgenbild zu Beginn noch völlig normal aussehen kann
Röntgenaufnahmen zeigen vor allem Knochen und Veränderungen an der Knochenstruktur. Bis solche Veränderungen entstehen, kann jedoch Zeit vergehen. Die Entzündung selbst kann bereits Beschwerden verursachen, obwohl im normalen Röntgenbild noch nichts Typisches zu erkennen ist.
Genau hier kann das MRT wichtig werden. Es kann Veränderungen an den Kreuzdarmbeingelenken zeigen, die zu einer aktiven Entzündung passen, bevor dauerhafte Knochenveränderungen im Röntgenbild erkennbar sind. Deshalb spielt das MRT gerade bei Verdacht auf eine nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis eine wichtige Rolle.
Trotzdem diagnostiziert auch ein MRT nicht allein Morbus Bechterew. Veränderungen können unterschiedliche Ursachen haben und müssen gemeinsam mit den Beschwerden beurteilt werden. Deshalb gehört die Interpretation in rheumatologisch und radiologisch erfahrene Hände.
Ein CT ist nicht automatisch die bessere Untersuchung
Eine Computertomografie kann Knochen besonders detailliert darstellen. Das bedeutet aber nicht, dass sie bei jedem Verdacht auf Morbus Bechterew automatisch benötigt wird. Wegen der Strahlenbelastung und der guten Möglichkeiten von Röntgen und MRT wird gezielt entschieden, ob ein CT wirklich zusätzliche Informationen bringen würde.
Auch Ultraschall hat seinen Platz eher dort, wo Gelenke außerhalb der Wirbelsäule oder Sehnenansätze beurteilt werden sollen. Für die tief im Becken liegenden Kreuzdarmbeingelenke ersetzt ein normaler Ultraschall die rheumatologische Bildgebung nicht.
Warum die Diagnose immer noch zu lange dauern kann
Rückenschmerzen sind so häufig, dass hinter ihnen meistens kein Morbus Bechterew steckt. Genau deshalb wird bei einem jungen Menschen mit Rückenbeschwerden häufig zunächst an Muskeln, Haltung, Bandscheiben oder andere sehr häufige Ursachen gedacht.
Hinzu kommt, dass die Erkrankung schleichend beginnen kann. Beschwerden können zeitweise besser werden, Röntgenbilder können anfangs unauffällig sein und bei Frauen kann das typische Muster weniger deutlich wirken. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew berichtet deshalb auch heute noch von langen Diagnosewegen.
Ein länger als drei Monate bestehender Rückenschmerz, der schon in jüngeren Jahren begonnen hat, nachts oder in Ruhe stärker wird und sich durch Bewegung bessert, sollte deshalb zumindest Anlass sein, eine entzündliche Ursache mitzudenken.
Behandlung: Entzündung beruhigen und Beweglichkeit bewahren
Die Behandlung von Morbus Bechterew besteht nicht aus einer einzigen Maßnahme. Medikamente und Bewegung haben unterschiedliche Aufgaben und ergänzen sich deshalb.
Medikamente sollen Schmerzen und Entzündung so gut wie möglich kontrollieren. Dadurch können Nacht und Alltag ruhiger werden und Bewegung wird überhaupt wieder angenehm möglich. Physiotherapie, Krafttraining und regelmäßige Bewegung sorgen anschließend dafür, dass die vorhandene Beweglichkeit genutzt und Muskulatur aufgebaut wird.
Das ist besonders wichtig, weil längere Ruhe bei der Erkrankung häufig gerade nicht guttut. Dauerhafte Schonung führt zusätzlich zu Muskelabbau und Steifigkeit und kann dadurch Beschwerden noch verstärken. Bewegung wird deshalb von der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew ausdrücklich als eine zentrale und langfristige Säule der Behandlung beschrieben.
Warum tägliche Bewegung bei Morbus Bechterew eine besondere Bedeutung hat
Bei vielen Erkrankungen ist Sport allgemein gesund. Bei Morbus Bechterew bekommt Bewegung darüber hinaus eine sehr konkrete Aufgabe: Die Wirbelsäule, der Brustkorb und die großen Gelenke sollen ihren vorhandenen Bewegungsumfang möglichst regelmäßig nutzen.
Dazu gehören nicht nur Übungen, bei denen der Rücken nach vorne gebeugt wird. Die Wirbelsäule sollte auch aufgerichtet, seitlich bewegt und im individuell möglichen Bereich gedreht werden. Der Brustkorb sollte sich beim tiefen Ein- und Ausatmen bewegen und Schulter- sowie Hüftbeweglichkeit sollten ebenfalls berücksichtigt werden.
Eine kräftige Rücken-, Bauch- und Gesäßmuskulatur unterstützt die Körperhaltung und erleichtert alltägliche Bewegungen. Dabei geht es nicht darum, eine bereits steife Wirbelsäule mit Gewalt beweglich zu machen. Bewegung sollte kontrolliert durchgeführt und an den vorhandenen Bewegungsumfang angepasst werden.
Gerade am Morgen kann eine kurze Mobilisation hilfreich sein, weil viele Menschen zu dieser Tageszeit besonders steif sind. Bei sitzender Arbeit sind häufige kleine Bewegungen über den Tag verteilt oft sinnvoller als acht Stunden nahezu unbewegliches Sitzen und anschließend eine einzige große Sporteinheit.
Welcher Sport sich eignen kann
Walking, Nordic Walking und Wandern bringen den gesamten Körper in Bewegung und lassen sich gut an die persönliche Kondition anpassen. Radfahren kann Ausdauer und Beinmuskulatur trainieren, wobei eine dauerhaft stark nach vorne gebeugte Position bei einer bereits ausgeprägten Haltungsveränderung nicht für jeden optimal ist. Die Sitzposition sollte dann angepasst werden.
Schwimmen und Bewegung im Wasser können angenehm sein, weil das Körpergewicht teilweise getragen wird. Besonders Rückenschwimmen ermöglicht Bewegung des Oberkörpers, ohne den Kopf dauerhaft nach hinten halten zu müssen. Brustschwimmen mit ständig aus dem Wasser gehobenem Kopf kann dagegen bei Nackenproblemen unangenehm sein.
Krafttraining gehört ebenfalls dazu, weil Beweglichkeit allein nicht genügt. Stabile Rumpf-, Rücken-, Gesäß- und Beinmuskeln unterstützen Haltung und Gelenke. Yoga, Qigong oder ähnliche Bewegungsformen können zusätzlich sinnvoll sein, wenn Übungen an die individuelle Beweglichkeit angepasst werden. Die aktuellen Bewegungsangebote der DVMB konzentrieren sich unter anderem auf Wirbelsäule, Brustkorb und Atmung.
Physiotherapie soll Ihnen etwas für den eigenen Alltag mitgeben
Physiotherapie ist besonders wertvoll, wenn sie nicht nur aus einer Behandlung auf der Liege besteht. Sie soll Ihnen zeigen, welche Bewegungen für Ihre persönliche Situation sinnvoll sind, wie Sie die Wirbelsäule mobilisieren, welche Muskeln gekräftigt werden sollten und wie Haltung und Brustkorbbewegung unterstützt werden können.
Das langfristige Ziel besteht darin, viele dieser Übungen selbstständig weiterzuführen. Eine einmalige Verordnung kann schließlich keine chronische Erkrankung jahrzehntelang begleiten. Funktionstraining oder Rehabilitationssport in einer Gruppe können deshalb zusätzlich hilfreich sein, weil Bewegung regelmäßig stattfindet und fachlich begleitet wird.
Medikamente: Warum nicht jeder Mensch dieselbe Behandlung bekommt
Die medikamentöse Behandlung richtet sich danach, wie aktiv die Erkrankung ist, welche Bereiche betroffen sind, wie stark Schmerzen und Steifigkeit den Alltag einschränken und welche Begleiterkrankungen vorhanden sind.
Häufig werden zunächst entzündungshemmende Schmerzmittel eingesetzt, sogenannte NSAR. Dazu gehören verschiedene Wirkstoffe, die gleichzeitig Schmerzen lindern und Entzündung bremsen können. Bei regelmäßiger Einnahme müssen allerdings mögliche Auswirkungen auf Magen, Nieren, Blutdruck und Herz-Kreislauf-System berücksichtigt werden. Deshalb sollte die Behandlung individuell ausgewählt und regelmäßig überprüft werden.
Bleibt die Erkrankung deutlich aktiv, stehen gezielte Rheumamedikamente zur Verfügung. Dazu gehören verschiedene Biologika, etwa TNF-Hemmer und Medikamente, die bestimmte Interleukine blockieren. Zusätzlich stehen für bestimmte Menschen sogenannte JAK-Hemmer als Tabletten zur Verfügung. Die Wahl des Präparates richtet sich nicht nur nach dem Rücken, sondern auch danach, ob beispielsweise wiederkehrende Augenentzündungen, Schuppenflechte oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung bestehen.
Warum Methotrexat bei Morbus Bechterew eine andere Rolle spielt als bei rheumatoider Arthritis
Viele Menschen verbinden Rheuma automatisch mit Methotrexat, kurz MTX. Bei Morbus Bechterew ist das jedoch anders. Klassische Basismedikamente wie Methotrexat oder Sulfasalazin helfen bei einer reinen Entzündung innerhalb der Wirbelsäule nicht ausreichend.
Bestehen zusätzlich entzündete Gelenke außerhalb der Wirbelsäule, beispielsweise ein wiederholt geschwollenes Knie, kann Sulfasalazin in bestimmten Situationen sinnvoll sein. Die Behandlung kann deshalb bei zwei Menschen mit derselben Grunddiagnose unterschiedlich aussehen.
Kortison wird meist gezielt und nicht dauerhaft für die Wirbelsäule eingesetzt
Kortison kann Entzündungen schnell bremsen, ist bei einer axialen Spondyloarthritis aber normalerweise keine langfristige Standardbehandlung für die gesamte Wirbelsäule. Bei einem einzelnen stark entzündeten Gelenk kann eine örtliche Kortisonspritze sinnvoll sein.
Eine wichtige Ausnahme ist eine akute Augenentzündung. Hier kommen häufig kortisonhaltige Augentropfen zum Einsatz, allerdings immer nach augenärztlicher Untersuchung und entsprechendem Behandlungsplan.
Bei stärkerer Rheumatherapie wird auch der Infektionsschutz wichtig
Medikamente, die eine Entzündung sehr gezielt bremsen, verändern gleichzeitig Teile der körpereigenen Abwehr. Deshalb gehören Impfstatus und Infektionsschutz zur Behandlung.
Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie weist aktuell darauf hin, dass Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ihren Impfschutz gemeinsam mit dem behandelnden Team prüfen sollten, besonders wenn Medikamente eingesetzt werden, die das Immunsystem stärker beeinflussen. Welche Impfungen konkret sinnvoll sind, hängt unter anderem von Alter, Erkrankung und Therapie ab.
Das bedeutet nicht, dass Medikamente grundsätzlich wegen jeder Erkältung abgesetzt werden sollten. Bei Fieber, einer stärkeren Infektion oder vor bestimmten Eingriffen sollte jedoch geklärt werden, wie mit der jeweiligen Therapie weitergegangen wird. Entscheidungen darüber sollten nicht eigenständig getroffen werden.
Morbus Bechterew kann auch Augen, Haut und Darm betreffen
Die Bezeichnung „Wirbelsäulenrheuma“ beschreibt nur einen Teil der Erkrankung. Spondyloarthritiden können mehrere Bereiche des Körpers miteinander verbinden, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben.
Ein gerötetes Auge, Schuppenflechte oder länger bestehende Darmprobleme können für die Rheumatologie deshalb wichtige Informationen sein. Umgekehrt kann ein Augenarzt, Hautarzt oder Gastroenterologe bei bestimmten Beschwerden dazu beitragen, eine bisher unerkannte Spondyloarthritis zu entdecken.
Ein plötzlich schmerzendes rotes Auge sollte schnell untersucht werden
Eine besonders typische Begleiterscheinung ist die Uveitis anterior, häufig auch Iritis genannt. Dabei entzündet sich ein Bereich im Inneren des Auges. Häufig ist zunächst nur ein Auge betroffen.
Das Auge kann deutlich gerötet und schmerzhaft sein, helles Licht wird unangenehm und das Sehen kann verschwommen wirken. Solche Beschwerden sollte man nicht über mehrere Tage mit gewöhnlichen Augentropfen selbst behandeln.
Eine Uveitis gehört möglichst rasch in eine augenärztliche Praxis, weil eine unbehandelte Entzündung zu Komplikationen führen kann. Erwähnen Sie dort unbedingt, dass eine axiale Spondyloarthritis beziehungsweise Morbus Bechterew besteht oder vermutet wird. Augenbefunde können außerdem Einfluss darauf haben, welches Rheumamedikament langfristig am besten geeignet ist.
Hilfekästchen: Das rote Auge ernst nehmen
Ein plötzlich deutlich gerötetes und schmerzendes Auge, das stark lichtempfindlich ist oder schlechter sieht, sollte bei Morbus Bechterew möglichst rasch augenärztlich untersucht werden. Ein solches Auge gehört nicht einfach als „Bindehautentzündung“ behandelt, ohne dass eine Uveitis ausgeschlossen wurde.
Schuppenflechte kann zum selben Erkrankungsspektrum gehören
Psoriasis, also Schuppenflechte, kommt bei Menschen aus der Gruppe der Spondyloarthritiden häufiger vor. Typisch sind gerötete, schuppende Hautstellen, häufig an Ellenbogen, Knien oder Kopfhaut. Auch Nägel können verändert sein.
Für die Rheumatologie ist eine Psoriasis wichtig, weil sie die Einordnung der Erkrankung und die Medikamentenwahl beeinflussen kann. Deshalb sollten Sie Hautveränderungen erwähnen, auch wenn sie Ihnen zunächst nebensächlich erscheinen.
Manchmal sind Hautstellen klein oder befinden sich an weniger auffälligen Bereichen, beispielsweise hinter den Ohren oder am Haaransatz. Fotos von Veränderungen können hilfreich sein, wenn die Haut beim Arzttermin gerade unauffällig aussieht.
Darmbeschwerden gehören nicht automatisch zum Rücken – können aber miteinander verbunden sein
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa können gemeinsam mit einer Spondyloarthritis auftreten. Länger anhaltender oder immer wiederkehrender Durchfall, Bauchkrämpfe, Blut im Stuhl, Gewichtsverlust oder ein ausgeprägter Stuhldrang sollten deshalb nicht einfach jahrelang als „empfindlicher Darm“ hingenommen werden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Durchfall bei einem Menschen mit Morbus Bechterew gleich eine chronische Darmerkrankung ist. Entscheidend ist ein anhaltendes oder wiederkehrendes Muster.
Dieser Zusammenhang ist auch für die Rheumatherapie wichtig, weil nicht jedes Medikament bei einer gleichzeitig bestehenden Darmerkrankung gleich gut geeignet ist. Deshalb sollten Rheumatologie und Gastroenterologie voneinander wissen, wenn beide Erkrankungen bestehen.
Osteoporose: Warum die Wirbelsäule gleichzeitig verknöchern und der Knochen trotzdem schwächer werden kann
Dieser Zusammenhang klingt zunächst widersprüchlich. Bei Morbus Bechterew können sich an der Wirbelsäule knöcherne Verbindungen bilden, gleichzeitig kann die allgemeine Knochendichte vermindert sein.
Die zusätzliche Knochenbildung findet an bestimmten Bereichen rund um die entzündeten Strukturen statt. Sie bedeutet nicht, dass der gesamte Knochen dadurch stärker wird. Gleichzeitig können die chronische Erkrankung, weniger Bewegung und weitere Faktoren dazu führen, dass die normale Knochenfestigkeit abnimmt.
Dadurch kann das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche steigen. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew beschäftigt sich deshalb ausdrücklich mit Osteoporose und Frakturvorbeugung bei axialer Spondyloarthritis.
Besonders wichtig wird dieser Punkt bei einer bereits deutlich versteiften Wirbelsäule. Eine flexible Wirbelsäule kann Kräfte bei einem Sturz auf viele kleine Bewegungssegmente verteilen. Eine stark versteifte Wirbelsäule verhält sich wesentlich starrer und kann bei einem Unfall empfindlicher auf größere Kräfte reagieren.
Deshalb sollten neu auftretende starke Rücken- oder Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfallbei einer fortgeschrittenen Versteifung ärztlich abgeklärt werden, selbst wenn der Unfall zunächst gar nicht besonders dramatisch wirkte.
Bewegung schützt auch die Knochen
Knochen brauchen Belastung. Deshalb ist Bewegung bei Morbus Bechterew nicht nur für die Beweglichkeit der Wirbelsäule wichtig, sondern auch für Muskelkraft, Gleichgewicht und Knochenstabilität.
Krafttraining und Bewegung an Land setzen andere Reize auf den Knochen als ausschließliches Schwimmen. Bei bekannter Osteoporose sollte das Bewegungsprogramm allerdings an die Knochenstabilität angepasst werden, damit ungeeignete starke Beuge- oder Drehbewegungen vermieden werden.
Vitamin D und Calcium spielen ebenfalls eine Rolle für die Knochengesundheit. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mensch mit Morbus Bechterew hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel benötigt. Ob eine Ergänzung sinnvoll ist, hängt unter anderem von Ernährung, Vitamin-D-Spiegel, Alter und individuellem Osteoporoserisiko ab.
Herz und Gefäße sollten im Blick bleiben
Eine chronisch-entzündliche Erkrankung betrifft nicht nur Gelenke. Auch die allgemeine Herz-Kreislauf-Gesundheit verdient Aufmerksamkeit. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit Morbus Bechterew eine Herzerkrankung entwickeln wird.
Gerade deshalb sind die gewöhnlichen beeinflussbaren Risikofaktoren wichtig. Blutdruck, Blutzucker und Blutfette sollten im Rahmen der normalen Vorsorge kontrolliert werden. Rauchen sollte möglichst beendet werden, regelmäßige Bewegung unterstützt Herz und Kreislauf und ein für Sie passendes Körpergewicht erleichtert zusätzlich körperliche Aktivität.
Seltene spezielle Veränderungen am Herzen oder an großen Gefäßen können bei langjähriger Erkrankung vorkommen, gehören aber nicht zum Alltag jedes Betroffenen. Regelmäßige hausärztliche Vorsorge bleibt deshalb eine sinnvolle Ergänzung zur rheumatologischen Betreuung.
Schlaf: Warum Morbus Bechterew besonders in der zweiten Nachthälfte stören kann
Nächtlicher Rückenschmerz ist ein typisches Problem der Erkrankung. Nach mehreren Stunden Ruhe nimmt die Steifigkeit zu und manche Betroffene wachen immer wieder auf. Dadurch entsteht nicht nur Schmerz, sondern gleichzeitig Schlafmangel.
Eine passende Matratze, eine angenehme Schlafposition und ein gutes Kissen können das Liegen angenehmer machen, behandeln jedoch nicht die Entzündung selbst. Wenn Sie regelmäßig wegen Rückenschmerzen aufwachen, obwohl Ihre Erkrankung eigentlich gut eingestellt sein sollte, gehört dieser Punkt deshalb zum Rheumatologietermin.
Der fehlende Schlaf kann außerdem Fatigue verstärken. So entsteht schnell ein Kreislauf aus nächtlichem Schmerz, schlechtem Schlaf, Erschöpfung am Tag und weniger Bewegung. Gerade deshalb lohnt es sich, den Schlaf bei der Behandlung nicht als Nebensache zu betrachten. Die DVMB macht 2026 mit ihrer Aktion „Kurze Nacht des Morbus Bechterew“ ausdrücklich auf dieses häufige Problem aufmerksam.
Rauchen ist gerade bei dieser Erkrankung besonders ungünstig
Rauchen belastet Lunge, Herz und Blutgefäße unabhängig vom Rheuma. Bei Morbus Bechterew kommt hinzu, dass ein gut beweglicher Brustkorb und eine möglichst leistungsfähige Lunge besonders wichtig sind.
Wenn die Brustwirbelsäule und die Verbindungen der Rippen weniger beweglich werden, möchte man die vorhandene Lungen- und Atemleistung möglichst gut erhalten. Rauchen arbeitet genau in die entgegengesetzte Richtung.
Ein Rauchstopp ist deshalb eine der sinnvollsten Veränderungen, die ein rauchender Mensch selbst beeinflussen kann. Das bedeutet nicht, dass Rauchen die alleinige Ursache des Morbus Bechterew wäre. Die Erkrankung ist keine Folge persönlichen Fehlverhaltens. Es ist lediglich ein zusätzlicher Belastungsfaktor, den man nach der Diagnose möglichst reduzieren kann.
Ernährung: gesund essen, ohne daraus eine komplizierte Bechterew-Diät zu machen
Viele Menschen suchen nach der Diagnose nach Lebensmitteln, die die Entzündung „abschalten“ könnten. Eine solche spezielle Ernährung gibt es nicht. Kein Lebensmittel kann eine notwendige Rheumatherapie ersetzen und Sie müssen Ihren Speiseplan nicht immer weiter einschränken.
Eine ausgewogene Ernährung ist trotzdem sinnvoll, weil sie weit mehr unterstützt als nur die Gelenke. Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, hochwertige Eiweißquellen und geeignete Pflanzenöle versorgen den Körper mit wichtigen Nährstoffen. Fisch kann ebenfalls Bestandteil einer abwechslungsreichen Ernährung sein.
Ein gesundes Körpergewicht kann Bewegung erleichtern und entlastet zusätzliche betroffene Hüft- oder Kniegelenke. Gleichzeitig sollte Ernährung nicht zum nächsten Stressfaktor werden. Eine chronische Erkrankung ist schon anspruchsvoll genug, ohne dass jedes Stück Kuchen oder Brot als möglicher Auslöser eines Schubs betrachtet werden muss.
Kinderwunsch und Schwangerschaft sind mit Morbus Bechterew grundsätzlich möglich
Eine axiale Spondyloarthritis bedeutet nicht, dass Frauen auf eine Schwangerschaft verzichten müssen oder Männer mit Morbus Bechterew keine Familie gründen können. Wichtig ist vielmehr eine gute Planung, besonders wenn Medikamente eingenommen werden.
Einige Rheumamedikamente können auch während bestimmter Phasen einer Schwangerschaft eingesetzt werden, andere müssen vorher verändert oder abgesetzt werden. Deshalb sollte eine notwendige Behandlung nie eigenständig beendet werden, sobald ein Kinderwunsch entsteht.
Idealerweise werden Rheumatologie und Frauenarzt bereits vor einer geplanten Schwangerschaft einbezogen. So kann die Erkrankung möglichst ruhig eingestellt und die Medikation rechtzeitig angepasst werden. Das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum begleitet mit dem Rhekiss-Register ausdrücklich auch Frauen mit Spondyloarthritiden bei Kinderwunsch und Schwangerschaft.
Auch während der Stillzeit hängt die Medikamentenwahl vom jeweiligen Wirkstoff ab. Eine pauschale Regel, nach der während Schwangerschaft und Stillzeit überhaupt keine Rheumamedikamente möglich wären, wäre deshalb falsch.
Die Erkrankung wird nicht automatisch an das Kind weitergegeben
Eine familiäre Veranlagung spielt eine Rolle, aber Morbus Bechterew ist keine einfache klassische Erbkrankheit. Deshalb bedeutet die Diagnose eines Elternteils nicht, dass das Kind zwangsläufig ebenfalls erkrankt.
Gerade diese Unterscheidung ist bei Familienplanung wichtig. HLA-B27 kann vererbt werden, aber selbst das Vorhandensein dieses Merkmals bedeutet noch lange nicht, dass später eine Erkrankung entsteht.
Beruf und Arbeitsplatz: Bewegung statt stundenlanger Zwangshaltung
Viele Menschen mit Morbus Bechterew können langfristig arbeiten. Eine Diagnose bedeutet nicht automatisch, dass der bisherige Beruf aufgegeben werden muss.
Bei sitzender Arbeit kann es allerdings ungünstig sein, über viele Stunden nahezu unbeweglich in derselben Position zu bleiben. Ein Arbeitsplatz, an dem Sie regelmäßig zwischen Sitzen und Stehen wechseln können, kleine Wege einbauen und die Wirbelsäule immer wieder bewegen, passt häufig besser zu einer Erkrankung, bei der Ruhe Steifigkeit verstärkt.
Auch bei körperlichen Berufen ist nicht automatisch jede Tätigkeit verboten. Entscheidend sind Belastung, vorhandene Beweglichkeit, mögliche Gelenkbeteiligungen und der individuelle Verlauf.
Wenn der Beruf zunehmend schwierig wird, sollte nicht erst gewartet werden, bis gar nichts mehr funktioniert. Arbeitsplatzanpassung, medizinische Rehabilitation und Leistungen zur beruflichen Teilhabe können helfen. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew bietet inzwischen eigene Informationen zu Arbeit, Rehabilitation und sozialrechtlicher Unterstützung an.
Auch die Psyche darf berücksichtigt werden
Eine Erkrankung, die in jungen Jahren beginnt und über Jahrzehnte begleitet, kann seelisch belasten. Schmerzen, schlechter Schlaf, Fatigue und die Unsicherheit darüber, wie der Körper an einem bestimmten Tag funktioniert, können auf Dauer Kraft kosten.
Das bedeutet nicht, dass Morbus Bechterew psychisch verursacht wird. Es bedeutet lediglich, dass Körper und Alltag zusammengehören.
Schmerzbewältigung, Entspannungsmethoden, Selbsthilfegruppen oder psychologische Unterstützung können deshalb genauso sinnvoll sein wie Physiotherapie, wenn die Erkrankung zunehmend das gesamte Leben bestimmt. Die DVMB bietet neben Bewegung auch Austauschmöglichkeiten für Betroffene, junge Menschen und Frauen an.
Welche Beschwerden Sie nicht einfach als normalen Bechterew-Schub abtun sollten
Eine bekannte Diagnose erklärt nicht automatisch jede neue Beschwerde. Gerade das kann im Alltag wichtig werden, weil Betroffene nach einigen Jahren schnell dazu neigen, neue Schmerzen einfach ihrer bekannten Erkrankung zuzuschreiben.
Ein plötzlich stark gerötetes, schmerzendes und lichtempfindliches Auge gehört möglichst schnell augenärztlich untersucht, weil eine Uveitis dahinterstecken kann.
Starke neue Rücken- oder Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall sollten besonders bei einer bereits steifen Wirbelsäule oder bekannter Osteoporose abgeklärt werden.
Neu auftretende Lähmungserscheinungen, deutliche Muskelschwäche, ausgeprägte Taubheitsgefühle oder Probleme mit Blasen- und Darmkontrolle sind ebenfalls keine Beschwerden, die bis zum nächsten normalen Rheumatologietermin warten sollten.
Länger anhaltender Durchfall, Blut im Stuhl oder deutlicher ungeklärter Gewichtsverlust sollte gastroenterologisch abgeklärt werden.
Unter einer Behandlung, die die Immunabwehr stärker beeinflusst, sollte außerdem anhaltendes hohes Fieber oder eine deutlich schwere Infektion ärztlich besprochen werden, weil für manche Medikamente während einer stärkeren Infektion besondere Regeln gelten.
Hilfekästchen
Morbus Bechterew kann viele Beschwerden erklären, aber nicht jede neue Beschwerde gehört automatisch zur Erkrankung. Besonders ein schmerzhaftes rotes Auge, starke Schmerzen nach einem Unfall, neue neurologische Ausfälle oder länger anhaltende Darmbeschwerden sollten gezielt untersucht werden.
Wie häufig ist Morbus Bechterew?
Bei der Häufigkeit finden Sie unterschiedliche Zahlen, weil nicht überall dasselbe gezählt wird. Manche Angaben beziehen sich nur auf den klassischen Morbus Bechterew mit sichtbaren Veränderungen im Röntgenbild, andere schließen das gesamte Spektrum der axialen Spondyloarthritis ein.
Deshalb würde ich keine scheinbar millimetergenaue Zahl nennen. Fest steht, dass in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen betroffen sind. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew nennt für den klassischen Morbus Bechterew rund 450.000 Betroffene.
Viel wichtiger als die genaue Zahl ist für den Einzelnen das typische Alter beim Beginn. Die Erkrankung beginnt häufig schon im jungen Erwachsenenalter und meist deutlich vor dem Alter, in dem klassische Verschleißprobleme der Wirbelsäule dominieren. Genau deshalb sollte ein seit Monaten bestehender Rückenschmerz bei einem jungen Menschen nicht ausschließlich mit „zu viel Sitzen“ oder „schlechtem Rücken“ erklärt werden, wenn das Muster eindeutig entzündlich wirkt.
Regelmäßige Kontrollen sollen zeigen, wie es Ihnen wirklich geht
Bei Kontrollterminen geht es nicht nur darum, einen Blutwert zu betrachten. Entscheidend ist, ob die Behandlung im wirklichen Leben funktioniert.
Dazu gehört, wie stark der Rücken schmerzt, wie lange die Morgensteifigkeit dauert, ob Sie nachts schlafen können, wie erschöpft Sie sind und wie gut Bewegung und Alltag funktionieren. Auch neue Beschwerden an Augen, Darm, Haut oder Gelenken gehören dazu.
Rheumatologische Praxen verwenden teilweise Fragebögen mit Abkürzungen wie BASDAI oder ASDAS. Diese Namen müssen Sie nicht auswendig kennen. Sie dienen lediglich dazu, Beschwerden über längere Zeit vergleichbar zu erfassen.
Ebenso wichtig bleibt Ihre eigene Beschreibung. Ein vermeintlich guter Blutwert bedeutet wenig, wenn Sie nachts wieder regelmäßig vor Schmerzen aufstehen müssen und sich die Beweglichkeit deutlich verschlechtert hat.
Fazit: Morbus Bechterew bedeutet nicht, den Rücken zu schonen – sondern ihn gut zu behandeln und in Bewegung zu halten
Morbus Bechterew beziehungsweise die axiale Spondyloarthritis ist eine chronische entzündliche Erkrankung, die besonders die Kreuzdarmbeingelenke und die Wirbelsäule betrifft. Ihr Rückenschmerz unterscheidet sich häufig von gewöhnlichen Rückenbeschwerden, weil längere Ruhe die Beschwerden verstärken kann, während Bewegung Erleichterung bringt. Typisch können außerdem nächtliches Erwachen, längere Morgensteifigkeit und tief sitzende Schmerzen im Gesäß sein.
Die Erkrankung ist jedoch wesentlich vielseitiger als ihr Ruf als „Wirbelsäulenrheuma“. Fersen und andere Sehnenansätze können schmerzen, Hüften oder Knie können sich entzünden und selbst der Brustkorb kann an Beweglichkeit verlieren. Augenentzündungen, Psoriasis und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen gehören ebenfalls zum Krankheitsbild und können für die Wahl der Behandlung sehr wichtig sein.
Dabei sollten Sie sich von einem unauffälligen Röntgenbild oder normalen Entzündungswerten nicht vorschnell verunsichern lassen. Eine axiale Spondyloarthritis kann bereits Beschwerden verursachen, bevor typische Röntgenveränderungen sichtbar sind. Ein MRT kann in bestimmten Situationen zusätzliche Hinweise liefern. Auch HLA-B27 ist lediglich ein Teil des Gesamtbildes. Ein positiver Wert beweist die Erkrankung nicht und ein negativer Wert schließt sie nicht aus.
Die Behandlung besteht aus mehreren Bereichen, die zusammengehören. Entzündungshemmende Medikamente können Schmerzen und Entzündung reduzieren. Bei stärker aktiver Erkrankung stehen heute gezielte Rheumamedikamente zur Verfügung. Gleichzeitig bleibt Bewegung von Beginn an wichtig, weil die Wirbelsäule ihren vorhandenen Bewegungsumfang regelmäßig nutzen sollte. Physiotherapie, eigenständige Übungen, Krafttraining und geeignete Ausdauersportarten helfen dabei, Beweglichkeit, Haltung und körperliche Belastbarkeit möglichst lange zu erhalten.
Auch die Knochen verdienen Aufmerksamkeit. Eine versteifende Wirbelsäule ist nicht automatisch eine besonders stabile Wirbelsäule. Osteoporose kann gleichzeitig vorkommen und das Risiko für Knochenbrüche erhöhen. Gerade starke neue Beschwerden nach einem Sturz sollten deshalb bei fortgeschrittener Erkrankung ernst genommen werden.
Ebenso wenig endet die Behandlung am Rücken. Impfstatus, Infektionsschutz, Schlaf, Fatigue, Rauchen, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Arbeitsplatz und seelische Belastung können im Laufe der Jahre wichtig werden. Kinderwunsch und Schwangerschaft sind grundsätzlich möglich, sollten wegen der Medikamente aber gut geplant werden.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft für Menschen, die gerade ihre Diagnose bekommen haben: Das Bild des Menschen, dessen Rücken zwangsläufig immer steifer wird und der sein aktives Leben aufgeben muss, beschreibt die heutige Realität längst nicht mehr.
Morbus Bechterew ist eine ernst zu nehmende chronische Erkrankung, aber sie ist behandelbar.
Sie müssen Ihren Rücken nicht behandeln, als wäre er zerbrechlich.
Sie sollten ihn aber auch nicht gegen starke Schmerzen und akute Entzündungen zwingen.
Eine passende Rheumatherapie sorgt dafür, dass Entzündung möglichst wenig Schaden anrichtet. Bewegung sorgt dafür, dass der Körper die Beweglichkeit nutzt, die ihm zur Verfügung steht. Und regelmäßige Kontrollen sorgen dafür, dass Veränderungen erkannt werden, bevor sie unnötig lange unbehandelt bleiben.
So kann aus der Diagnose Morbus Bechterew etwas werden, das zu Ihrem Leben gehört, ohne Ihr gesamtes Leben zu bestimmen.
Medizinische Informationsquellen
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh): Informationen zur Behandlung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen, zu Impfungen und zur aktuellen rheumatologischen Versorgung.
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Rheumatologie am Campus Benjamin Franklin: Informationen zur axialen Spondyloarthritis, entzündlichem Rückenschmerz und zur Früherkennung.
Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e. V.: Aktuelle Informationen zu Diagnose, Behandlung, Bewegung, Alltag und Begleiterkrankungen bei Morbus Bechterew und axialer Spondyloarthritis.
Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin – Rhekiss: Informationen zu Kinderwunsch und Schwangerschaft bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen einschließlich Spondyloarthritiden.
Deutsche Rheuma-Liga: Patienteninformationen zu rheumatischen Erkrankungen, Bewegung, Medikamenten und Begleiterkrankungen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine persönliche ärztliche oder rheumatologische Untersuchung. Rückenschmerzen können sehr viele unterschiedliche Ursachen haben. Auch mehrere typische Beschwerden reichen allein nicht aus, um Morbus Bechterew selbst zu diagnostizieren.
Ein plötzlich stark gerötetes und schmerzendes Auge mit Lichtempfindlichkeit oder Sehverschlechterung sollte rasch augenärztlich abgeklärt werden. Ebenso sollten starke neue Rücken- oder Nackenschmerzen nach einem Unfall oder Sturz, neue deutliche neurologische Beschwerden sowie länger anhaltende schwere Darmbeschwerden ärztlich untersucht werden.
Bildquelle
Bildquelle: Jennifer Orth Gesundheitsblog, KI-generiert. Einige Illustrationen und Beitragsbilder auf dieser Website wurden mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und anschließend redaktionell geprüft und überarbeitet.
Stand
September 2026

