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Wenn die Nerven bei Diabetes empfindlicher werden: Kribbeln, Brennen, Taubheit und andere Warnzeichen richtig verstehen
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Wenn die Nerven bei Diabetes empfindlicher werden: Kribbeln, Brennen, Taubheit und andere Warnzeichen richtig verstehen

Vielleicht kennen Sie dieses merkwürdige Gefühl in den Füßen: Es kribbelt, obwohl Sie ruhig auf dem Sofa sitzen, die Zehen fühlen sich pelzig an oder abends im Bett beginnt ein unangenehmes Brennen. Manche Menschen beschreiben kleine elektrische Stiche, andere haben das Gefühl, auf Watte zu laufen. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil. Die Füße tun überhaupt nicht weh, fühlen sich dafür zunehmend taub an und Berührungen, Wärme oder Kälte werden schlechter wahrgenommen. All diese Veränderungen können unterschiedliche Ursachen haben. Bei Menschen mit Diabetes gehört eine Schädigung der Nerven zu den Möglichkeiten, die ärztlich abgeklärt werden sollten.

Der medizinische Begriff dafür lautet diabetische Neuropathie. Sind viele Nerven betroffen, wird häufig von einer diabetischen Polyneuropathie gesprochen. Sie müssen sich diese Begriffe nicht kompliziert vorstellen. Unsere Nerven sind das Nachrichtensystem des Körpers. Sie sorgen dafür, dass Sie spüren, ob etwas heiß oder kalt ist, dass ein drückender Schuh unangenehm wird, dass Sie Schmerzen wahrnehmen und Ihre Muskeln gezielt bewegen können. Andere Nerven arbeiten nahezu unbemerkt im Hintergrund und steuern beispielsweise Verdauung, Kreislauf, Blase, Schweißbildung und Teile der Sexualfunktion. Diabetes kann unterschiedliche Bereiche dieses Nervensystems betreffen.

Das macht die diabetische Neuropathie so unterschiedlich. Der eine Mensch leidet vor allem unter brennenden Füßen, ein anderer bemerkt zunehmend weniger Gefühl. Wieder jemand anderes hat Verdauungsbeschwerden, Kreislaufprobleme oder Schwierigkeiten mit der Blase. Manche Menschen haben bereits Veränderungen an den Nerven und bemerken zunächst überhaupt nichts davon. Genau deshalb ist die regelmäßige Untersuchung bei Diabetes so wichtig.

Die Nerven können zu viel melden – oder plötzlich zu wenig

Ein beschädigter Nerv muss nicht einfach „ausfallen“. Manchmal passiert zunächst genau das Gegenteil: Er meldet Dinge, obwohl kein entsprechender Reiz vorhanden ist. Dadurch können Kribbeln, Brennen, Stechen oder elektrisierende Schmerzen entstehen. Selbst eine leichte Berührung durch die Bettdecke kann plötzlich unangenehm werden. Manche Betroffene können nachts kaum einschlafen, weil die Beschwerden in Ruhe wesentlich stärker auffallen als tagsüber.

Andere Nerven leiten Signale dagegen immer schlechter weiter. Berührung, Druck, Schmerz oder Temperatur werden schwächer wahrgenommen. Der Fuß fühlt sich taub oder pelzig an. Manchmal entsteht das Gefühl, eine dicke Socke zu tragen, obwohl man barfuß ist.

Deshalb passen scheinbar gegensätzliche Beschwerden wie Brennen und Taubheit durchaus zur gleichen Erkrankung. Manche Nerven senden falsche Warnsignale, während andere wichtige Warnsignale nicht mehr zuverlässig weitergeben.

Besonders häufig beginnen die Beschwerden an den Füßen und Unterschenkeln und betreffen beide Seiten ähnlich. Später können sie sich weiter nach oben ausbreiten und teilweise auch Hände oder Unterarme erreichen. Die aktuelle deutsche Diabetesversorgung berücksichtigt deshalb gerade Veränderungen von Berührungs-, Schmerz-, Temperatur- und Vibrationsempfinden bei den regelmäßigen Untersuchungen.

Merkkasten: Eine Nervenschädigung kann Schmerzen verursachen, sie kann Schmerzen aber auch verschwinden lassen. Gerade ein zunehmend tauber Fuß braucht deshalb Aufmerksamkeit, obwohl er möglicherweise überhaupt nicht wehtut.

Warum fehlender Schmerz an den Füßen problematisch werden kann

Normalerweise schützt Schmerz Ihren Körper. Ein Steinchen im Schuh stört, ein enger Schuh drückt und eine Blase macht jeden weiteren Schritt unangenehm. Sie ziehen automatisch den Schuh aus, verändern Ihre Haltung oder schonen die verletzte Stelle.

Bei einer ausgeprägteren Neuropathie funktioniert dieses natürliche Warnsystem schlechter. Ein kleiner Gegenstand kann stundenlang im Schuh liegen, ohne bemerkt zu werden. Eine Naht reibt immer wieder an derselben Stelle und eine Blase wird weiter belastet, weil sie nicht schmerzt. So kann aus einer kleinen Verletzung eine größere Wunde entstehen.

Genau daraus erklärt sich auch der Zusammenhang zwischen Nervenschäden und dem diabetischen Fuß. Durch die Polyneuropathie werden Druckstellen und Verletzungen leichter übersehen. Gleichzeitig können bei Diabetes zusätzlich Durchblutungsstörungen vorhanden sein, wodurch Wunden langsamer heilen.

Schauen Sie deshalb regelmäßig auf Ihre Füße, besonders bei bereits vermindertem Gefühl. Rötungen, Blasen, Risse, auffällige Hornhaut, Druckstellen und kleine Wunden sollten nicht nur danach beurteilt werden, ob sie schmerzen. Auch die Schuhe verdienen einen kurzen Blick von innen. Ein Steinchen, eine verrutschte Einlegesohle oder eine harte Naht können an einem tauben Fuß lange unbemerkt bleiben.

Das aktuell geltende deutsche DMP sieht deshalb nicht nur die regelmäßige Untersuchung der Nerven vor, sondern auch die Kontrolle der Füße, des Schuhwerks und der Durchblutung. Bei bestehendem Gefühlsverlust werden die Untersuchungen häufiger durchgeführt als bei unauffälligen Füßen.

Kribbeln bei Diabetes bedeutet nicht automatisch diabetische Neuropathie

Dieser Punkt ist besonders wichtig. Diabetes ist eine häufige Ursache für Polyneuropathien, aber längst nicht die einzige.

Ein Vitamin-B12-Mangel kann ebenfalls Taubheitsgefühle, Kribbeln oder andere Nervensymptome verursachen. Auch Schilddrüsenerkrankungen, Nierenerkrankungen, regelmäßiger hoher Alkoholkonsum, bestimmte Medikamente und andere neurologische Erkrankungen kommen als Ursache infrage. Die aktuelle neurologische Leitlinie empfiehlt deshalb eine systematische Abklärung, statt jede Polyneuropathie bei einem Menschen mit Diabetes automatisch dem Diabetes zuzuschreiben.

Besonders interessant ist Vitamin B12 bei Menschen, die über längere Zeit Metformin einnehmen. Metformin gehört zu den wichtigsten und bewährtesten Medikamenten bei Typ-2-Diabetes, kann bei längerfristiger Behandlung aber den Vitamin-B12-Spiegel senken. Die aktuellen DDG-Empfehlungen raten deshalb dazu, bei Metformin-Einnahme besonders bei Blutarmut oder einer bestehenden beziehungsweise vermuteten Polyneuropathie an einen Vitamin-B12-Mangel zu denken und den Wert gegebenenfalls zu kontrollieren. Auch die aktuelle europäische Produktinformation weist auf diesen Zusammenhang hin.

Das ist kein Grund, Metformin eigenständig abzusetzen. Ein nachgewiesener Vitamin-B12-Mangel kann behandelt werden, während eine sinnvolle Metformintherapie in der Regel weitergeführt werden kann.

Wie eine Neuropathie untersucht wird

Die Untersuchung der Nerven beginnt meist wesentlich einfacher, als viele Menschen erwarten. Es ist nicht sofort eine aufwendige Untersuchung im Krankenhaus notwendig.

Zunächst möchte die Ärztin oder der Arzt genau wissen, was Sie bemerkt haben. Kribbelt es? Brennen die Füße? Fühlen sie sich taub an? Sind beide Seiten betroffen? Werden die Beschwerden nachts stärker? Hat sich das Gehen verändert? Stolpern Sie häufiger oder fühlen Sie sich unsicherer?

Danach werden Beine und Füße angesehen. Auch Haut, Nägel, Druckstellen und mögliche Wunden spielen eine Rolle. Mit einer kleinen Stimmgabel kann geprüft werden, wie gut Sie Vibrationen wahrnehmen. Ein dünner Prüf-Faden zeigt, ob Sie leichten Druck und Berührung noch zuverlässig spüren. Zusätzlich kann das Schmerz- oder Temperaturempfinden untersucht werden. Diese einfachen Tests gehören ausdrücklich zu den empfohlenen Untersuchungen bei Typ-2-Diabetes.

Zusätzlich wird darauf geachtet, wie Sie gehen, wie kräftig Ihre Muskeln sind und ob Reflexe normal funktionieren. Die Durchblutung der Füße wird ebenfalls beurteilt, weil Nervenschädigung und Durchblutungsstörung gemeinsam vorkommen können.

Erst bei unklaren oder ungewöhnlichen Beschwerden sind zusätzliche neurologische Untersuchungen notwendig. Dabei kann beispielsweise gemessen werden, wie gut und wie schnell ein Nerv Signale weiterleitet.

Manche Nervenschäden betreffen besonders die feinen Nervenfasern

Es gibt Menschen, deren Füße stark brennen oder ungewöhnlich empfindlich auf Temperatur reagieren, obwohl einfache Nervenmessungen zunächst relativ unauffällig erscheinen. Das kann daran liegen, dass vor allem besonders feine Nervenfasern betroffen sind.

Sie sind unter anderem für Schmerz und Temperaturempfinden wichtig. Eine solche Veränderung wird häufig als Small-Fiber-Neuropathie bezeichnet. Für Sie als Patient ist der englische Name weniger entscheidend als die Botschaft dahinter: Deutliche Beschwerden sollten nicht allein deshalb verworfen werden, weil eine einzelne Untersuchung noch keinen eindeutigen Befund ergeben hat.

Bei anhaltenden Beschwerden und unklarer Ursache kann eine neurologische Fachuntersuchung deshalb sinnvoll sein.

Sehr ungewöhnliche Beschwerden verdienen einen besonders genauen Blick

Die typische diabetesbedingte Polyneuropathie entwickelt sich meistens langsam und betrifft die Füße beziehungsweise Beine auf beiden Seiten ähnlich.

Eine sehr schnelle Verschlechterung, eine ausgeprägte Muskelschwäche, deutliche Lähmungserscheinungen oder Beschwerden, die ausschließlich eine Körperseite betreffen, passen weniger gut zu diesem typischen Verlauf. Auch starke Beschwerden hauptsächlich an den Händen bei völlig unauffälligen Füßen können eine andere Erklärung haben.

Solche Veränderungen gehören genauer neurologisch abgeklärt. Die aktuelle AWMF-Leitlinie zur Diagnostik von Polyneuropathien betont deshalb, dass neben den Beschwerden auch der zeitliche Verlauf, das Muster der Nervenschädigung und die Auswirkungen im Alltag berücksichtigt werden müssen.

Gute Diabeteswerte schützen die Nerven – aber nicht nur der Zucker zählt

Eine möglichst stabile und individuell passende Glukoseeinstellung gehört zu den wichtigsten Möglichkeiten, die Nerven langfristig zu schützen. Besonders bei Typ-1-Diabetes lässt sich das Risiko für Nervenschäden durch eine dauerhaft gute Stoffwechseleinstellung deutlich vermindern.

Bei Typ-2-Diabetes reicht der Blick auf den HbA1c allein nicht aus. Blutdruck, Blutfette, Rauchen, Körpergewicht, Bewegung und die gesamte Gefäßgesundheit spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Deshalb besteht die Vorbeugung nicht aus einer einzelnen Maßnahme. Eine gute Diabetesbehandlung, regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen und eine sinnvolle Behandlung von Bluthochdruck und ungünstigen Blutfetten schützen gemeinsam Ihre Nerven und gleichzeitig Herz, Nieren, Augen und Gefäße. Die DDG führt ihre Empfehlungen zur diabetischen Neuropathie in der aktuellen Ausgabe von Januar 2026 entsprechend als Teil der umfassenden Diabetesversorgung.

Das bedeutet nicht, dass Ihr Blutzucker jeden Tag perfekt sein muss. Nerven werden nicht durch einen einzelnen schlechten Sensorwert geschädigt. Entscheidend ist vielmehr, wie sich Diabetes und weitere Risikofaktoren langfristig entwickeln.

Bewegung hilft den Nerven auf mehreren Wegen

Regelmäßige körperliche Aktivität gehört zu den sinnvollsten Dingen, die Sie selbst beeinflussen können. Sie verbessert den Stoffwechsel, unterstützt die Gefäße, erhält Muskelkraft und hilft, Gleichgewicht und Beweglichkeit zu bewahren.

Gerade eine Polyneuropathie kann dazu führen, dass das Gehen unsicherer wird. Manche Menschen bewegen sich deshalb immer weniger. Dadurch verlieren die Muskeln zusätzlich an Kraft und das Gleichgewicht verschlechtert sich weiter.

Ein angepasstes Bewegungsprogramm oder Physiotherapie kann diesen Kreislauf unterbrechen. Kraftübungen, Gleichgewichtstraining und regelmäßiges Gehen können Ihnen helfen, länger sicher auf den Beinen zu bleiben.

Das muss nicht anstrengender Leistungssport sein. Viel wichtiger ist eine Bewegung, die zu Ihrem Körper und Ihren Füßen passt und regelmäßig durchgeführt wird.

Bestehen bereits offene Fußwunden, muss Bewegung allerdings an die notwendige Druckentlastung angepasst werden. Eine Wunde an einer belasteten Stelle braucht Ruhe vom Druck und sollte nicht einfach „wegtrainiert“ werden.

Nervenschmerzen brauchen eine andere Behandlung als normale Schmerzen

Ein brennender Nervenschmerz entsteht anders als beispielsweise die Schmerzen eines verstauchten Knöchels oder eines entzündeten Gelenks. Deshalb funktionieren die üblichen Schmerztabletten bei länger anhaltenden neuropathischen Schmerzen häufig nicht ausreichend.

Für chronische diabetische Nervenschmerzen stehen Medikamente zur Verfügung, die gezielt die Verarbeitung von Schmerzsignalen beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise Duloxetin, Pregabalin, Gabapentin und bestimmte ältere Antidepressiva wie Amitriptylin. Auch ein hoch dosiertes Capsaicin-Pflaster kann bei bestimmten örtlich begrenzten Nervenschmerzen eingesetzt werden. Die aktuelle DDG-Praxisempfehlung von 2026 nennt diese Behandlungsmöglichkeiten und betont, dass die Auswahl nach Beschwerden, Begleiterkrankungen und persönlichem Risikoprofil erfolgen soll.

Vielleicht wundern Sie sich darüber, dass Medikamente eingesetzt werden, die ursprünglich auch bei Depressionen oder Epilepsie verwendet werden. Das bedeutet nicht, dass Ihre Schmerzen „psychisch“ sind oder dass Sie Epilepsie haben. Diese Wirkstoffe beeinflussen bestimmte Nervensignale und können dadurch Nervenschmerzen dämpfen.

Dabei muss nicht das erste Medikament sofort perfekt passen. Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen und andere Medikamente spielen bei der Auswahl eine wichtige Rolle. Manchmal wird ein Wirkstoff langsam gesteigert, manchmal muss gewechselt oder später kombiniert werden.

Das Ziel sollte nicht nur lauten, eine Zahl auf einer Schmerzskala zu senken. Entscheidend ist vielmehr, dass Sie wieder besser schlafen, sich mehr bewegen können und der Schmerz nicht mehr Ihren gesamten Alltag bestimmt.

Alpha-Liponsäure und Vitaminpräparate sind keine Wundermittel

Bei einer Suche nach Neuropathie stoßen Sie schnell auf Nahrungsergänzungsmittel und Präparate, die angeblich geschädigte Nerven regenerieren sollen.

Alpha-Liponsäure wird tatsächlich in der Behandlung diabetischer Nervenschmerzen verwendet und gehört auch in der aktuellen DDG-Empfehlung zu den möglichen Optionen. Die Wirkung ist jedoch individuell und sie sollte nicht als Garantie dafür verstanden werden, dass bereits entstandene Nervenschäden wieder verschwinden.

Ähnliches gilt für Vitaminpräparate. Ein nachgewiesener Vitaminmangel sollte selbstverständlich behandelt werden. Ohne Mangel schützt eine möglichst hohe Dosis verschiedener Vitamine die Nerven jedoch nicht automatisch besser.

Besonders Vitamin B12 ist bei entsprechender Risikosituation sinnvoll zu kontrollieren. Einfach wahllos verschiedene hoch dosierte B-Vitamine einzunehmen, ist dagegen keine gute Ersatzstrategie für eine ärztliche Abklärung.

Bereits entstandene Nervenschäden verschwinden häufig nicht vollständig

Das ist eine unangenehme, aber wichtige Information. Eine deutlich ausgeprägte diabetische Polyneuropathie lässt sich häufig nicht einfach vollständig rückgängig machen.

Das bedeutet trotzdem keineswegs, dass eine Behandlung sinnlos wäre.

Eine gute Behandlung kann das Fortschreiten bremsen, Schmerzen lindern, Beweglichkeit und Schlaf verbessern und vor allem schwerwiegende Folgen wie Fußwunden verhindern. Das offizielle Gesundheitsportal des Bundes beschreibt genau diese Ziele: Nervenschäden sollen möglichst nicht weiter voranschreiten und Komplikationen sollen verhindert werden.

Je früher eine Neuropathie erkannt wird, desto früher können Risikofaktoren behandelt und die Füße geschützt werden.

Eine Nervenschädigung kann auch das Gleichgewicht verändern

Ihre Füße liefern dem Gehirn ständig Informationen darüber, wie Sie stehen und wie der Untergrund beschaffen ist. Geht ein Teil dieser Informationen verloren, kann das Gehen unsicherer werden.

Vielleicht bemerken Sie, dass Sie im Dunkeln plötzlich schlechter zurechtkommen, auf unebenem Boden schneller ins Schwanken geraten oder häufiger irgendwo hängen bleiben. Auch Muskelschwäche kann hinzukommen.

Das Sturzrisiko kann dadurch steigen, besonders im höheren Lebensalter.

Eine Physiotherapie kann hier sehr hilfreich sein. Gleichgewichtsübungen, Muskeltraining und gegebenenfalls geeignete Hilfsmittel können Sicherheit zurückbringen. Auch gutes Schuhwerk und ausreichende Beleuchtung zu Hause spielen eine Rolle.

Stolperfallen, lose Teppiche und schlecht beleuchtete Treppen verdienen bei deutlicher Gangunsicherheit besondere Aufmerksamkeit.

Diabetes kann auch die Nerven betreffen, die Herz und Kreislauf steuern

Nicht alle Nerven sind für bewusstes Fühlen und Bewegen zuständig. Ein großer Teil arbeitet automatisch. Dieses sogenannte vegetative oder autonome Nervensystem steuert unter anderem den Herzschlag und die Anpassung des Blutdrucks.

Eine Nervenschädigung in diesem Bereich kann dazu führen, dass sich der Kreislauf beim Aufstehen schlechter anpasst. Sie stehen vom Bett oder Sofa auf und fühlen sich plötzlich benommen, sehen kurz schwarz vor Augen oder werden unsicher auf den Beinen.

Auch der Ruhepuls kann dauerhaft höher sein oder die normale Anpassung des Herzschlags an Belastung verändert sich.

Diese Beschwerden sind allerdings nicht typisch nur für Diabetes. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Flüssigkeitsmangel und Medikamente können genauso dahinterstehen. Eine gründliche Abklärung ist deshalb wichtig.

Die Nationale VersorgungsLeitlinie weist außerdem darauf hin, dass Beschwerden einer autonomen Neuropathie häufig nicht von selbst angesprochen werden. Ärztinnen und Ärzte sollen deshalb gezielt nach Kreislauf-, Verdauungs-, Blasen- und Sexualbeschwerden fragen.

Auch Warnzeichen einer Unterzuckerung können schwächer werden

Viele Menschen mit insulinbehandeltem Diabetes erkennen eine Unterzuckerung an Zittern, Herzklopfen, Schwitzen, Hunger oder innerer Unruhe.

Bei langjährigem Diabetes können diese Warnsignale schwächer werden. Häufige Unterzuckerungen selbst spielen dabei eine wichtige Rolle, aber auch Veränderungen des autonomen Nervensystems können beteiligt sein.

Eine eingeschränkte Wahrnehmung von Unterzuckerungen gehört deshalb unbedingt in das Gespräch mit dem Diabetes-Team. Zielwerte, Insulindosierung und Alarmgrenzen eines Glukosesensors können überprüft werden. Moderne CGM-Systeme mit Warnfunktionen können zusätzliche Sicherheit bieten.

Schwere oder wiederholt kaum bemerkte Unterzuckerungen sollten nicht einfach als unvermeidlicher Bestandteil der Diabetesbehandlung akzeptiert werden.

Der Magen kann durch eine Neuropathie langsamer arbeiten

Unser Magen transportiert Nahrung normalerweise in einem abgestimmten Rhythmus weiter. Auch dieser Vorgang wird über Nerven gesteuert.

Bei einer autonomen diabetischen Neuropathie kann sich der Magen deutlich langsamer entleeren. Diese Störung wird Gastroparese genannt.

Betroffene fühlen sich möglicherweise bereits nach kleinen Portionen sehr voll. Völlegefühl, Übelkeit, Aufstoßen, Bauchbeschwerden oder Erbrechen können auftreten. Gleichzeitig können Glukosewerte schwieriger vorherzusagen sein.

Gerade bei Insulin wird das verständlich: Das Insulin beginnt zu wirken, während die Kohlenhydrate aus der Mahlzeit noch im Magen liegen. Zunächst kann der Glukosewert sinken und erst später deutlich ansteigen, sobald die Nahrung weitertransportiert wird.

Solche Verläufe sollten nicht auf eigene Faust mit immer neuen Insulinkorrekturen behandelt werden. Diabetes-Team und gastroenterologische Behandlung können gemeinsam überlegen, wie Mahlzeiten und Insulin besser aufeinander abgestimmt werden.

Je nach Ausprägung können kleinere Mahlzeiten, eine Anpassung der Lebensmittelauswahl und gegebenenfalls Medikamente helfen.

Auch Darmbeschwerden können dazugehören

Das Nervensystem steuert nicht nur den Magen, sondern den gesamten Verdauungstrakt. Dadurch können bei einer autonomen Neuropathie auch Verstopfung, wiederkehrender Durchfall oder ein unregelmäßiger Stuhlgang auftreten.

Trotzdem sollte bei einem Menschen mit Diabetes nicht jede Verdauungsbeschwerde automatisch als Neuropathie eingeordnet werden. Metformin kann beispielsweise Durchfall verursachen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind möglich und natürlich gibt es zahlreiche Erkrankungen des Magens und Darms.

Eine gute Behandlung beginnt deshalb mit der Frage, welche Ursache tatsächlich vorliegt.

Die Blase kann ihre normale Rückmeldung verlieren

Auch die Blasenfunktion wird durch Nerven gesteuert. Normalerweise bemerken Sie zuverlässig, wann die Blase gefüllt ist, und die Muskulatur arbeitet beim Wasserlassen abgestimmt zusammen.

Eine autonome Neuropathie kann diese Steuerung beeinträchtigen. Manche Menschen spüren eine volle Blase schlechter und gehen sehr selten zur Toilette. Andere haben häufigen Harndrang oder die Blase entleert sich nicht vollständig.

Zurückbleibender Urin kann Harnwegsinfektionen begünstigen.

Bei Männern können ähnliche Beschwerden durch eine vergrößerte Prostata entstehen, bei Frauen spielen beispielsweise Beckenbodenprobleme eine Rolle. Auch Medikamente können die Blase beeinflussen.

Deshalb gehören neue oder zunehmende Probleme beim Wasserlassen medizinisch abgeklärt und nicht einfach mit dem Alter erklärt.

Sexualität gehört ebenfalls zum Nervensystem

Sexuelle Funktionsstörungen bei Diabetes werden erstaunlich selten offen angesprochen, obwohl sie sowohl Frauen als auch Männer betreffen können.

Bei Männern kann eine Erektion schwieriger entstehen oder nicht zuverlässig erhalten bleiben. Bei Frauen können Trockenheit, vermindertes Empfinden oder Schwierigkeiten bei Erregung und Orgasmus auftreten.

Nerven sind dabei nur ein Teil der Erklärung. Auch Durchblutung, Hormone, Medikamente, psychische Belastung und Partnerschaft können eine Rolle spielen.

Das bedeutet gleichzeitig, dass es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten gibt. Sexualprobleme bei Diabetes müssen nicht einfach still hingenommen werden.

Sprechen Sie das Thema an, auch wenn es zunächst unangenehm erscheint. Für Ihre Ärztin oder Ihren Arzt gehört Sexualität zur Gesundheit und nicht zu einem peinlichen Nebenthema.

Selbst die Schweißbildung kann sich verändern

Unsere Schweißdrüsen werden ebenfalls von Nerven gesteuert. Eine autonome Neuropathie kann deshalb dazu führen, dass manche Körperbereiche ungewöhnlich trocken werden, während an anderen Stellen stärkeres Schwitzen auftritt.

Besonders trockene Haut an den Füßen kann problematisch werden, weil Risse leichter entstehen. Eine geeignete Hautpflege gehört deshalb bei einer bestehenden Neuropathie zum Fußschutz.

Stark verändertes Schwitzen kann jedoch viele weitere Ursachen haben. Medikamente, hormonelle Erkrankungen, Infekte und andere gesundheitliche Veränderungen gehören ebenfalls in Betracht gezogen.

Was Sie selbst zum Schutz Ihrer Nerven tun können

Sie brauchen keine spezielle „Nervendiät“ und auch kein kompliziertes Programm.

Eine langfristig gute Diabetesbehandlung ist die Grundlage. Dazu gehören nicht nur Ihre Glukosewerte, sondern auch Blutdruck und Blutfette. Rauchen belastet Blutgefäße und Nerven zusätzlich und sollte möglichst beendet werden.

Regelmäßige Bewegung hilft, Muskelkraft und Gleichgewicht zu erhalten. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt den gesamten Stoffwechsel. Übermäßiger Alkoholkonsum sollte gerade bei einer bestehenden Polyneuropathie vermieden werden, weil Alkohol selbst Nerven schädigen kann.

Ihre Füße verdienen besondere Aufmerksamkeit. Prüfen Sie Haut, Nägel und Schuhe regelmäßig, tragen Sie gut passende Schuhe und schützen Sie taube Füße vor Hitze und Verletzungen.

Ein Heizkissen oder eine Wärmflasche kann auf einem Fuß mit vermindertem Temperaturempfinden eine Verbrennung verursachen, ohne dass die Hitze rechtzeitig als schmerzhaft wahrgenommen wird. Auch sehr heiße Fußbäder gehören deshalb nicht an einen Fuß mit deutlich eingeschränktem Temperaturempfinden.

Welche Beschwerden schneller untersucht werden sollten

Eine langsam zunehmende Taubheit beider Füße passt eher zu einer typischen diabetischen Polyneuropathie. Andere Veränderungen brauchen eine schnellere beziehungsweise besonders gründliche Abklärung.

Eine plötzlich entstandene ausgeprägte Muskelschwäche, neue Lähmungserscheinungen, sehr einseitige Beschwerden oder eine rasche Verschlechterung sollten nicht vorschnell dem Diabetes zugeschrieben werden.

Auch eine offene Fußwunde, ein stark geröteter oder plötzlich geschwollener Fuß und eine Verletzung, die nicht heilt, gehören zeitnah medizinisch beurteilt.

Ohnmacht, ausgeprägte Kreislaufprobleme, wiederholtes Erbrechen oder eine deutlich gestörte Blasenentleerung brauchen ebenfalls eine ärztliche Abklärung.

Eine diabetische Neuropathie kann viele Beschwerden erklären.

Sie sollte aber niemals automatisch jede neue Beschwerde erklären.

Machen Sie die Nervenkontrolle zu einem normalen Teil Ihrer Diabetesvorsorge

Bei Typ-2-Diabetes gehört die Untersuchung auf Nervenschäden zu den empfohlenen regelmäßigen Kontrollen. Dabei sollen nicht nur Beschwerden erfragt, sondern Füße, Berührungsempfinden, Vibration und weitere Nervenfunktionen überprüft werden. Die aktuelle Nationale VersorgungsLeitlinie beschreibt hierfür ein pragmatisches regelmäßiges Screening.

Das DMP sieht beim Fußrisiko mindestens jährliche Untersuchungen ohne bekannte sensible Neuropathie und mindestens halbjährliche Kontrollen bei vorhandener sensibler Neuropathie vor. Zusätzliche Risiken wie Durchblutungsstörung, Fußfehlstellungen oder frühere Wunden führen zu noch kürzeren Kontrollabständen.

Sie müssen diese Abstände nicht auswendig kennen.

Eine einfache Frage beim nächsten Diabetes-Termin reicht:

„Wie gut ist eigentlich mein Gefühl in den Füßen und wann wurde das zuletzt geprüft?“

Fazit: Nervenschäden können laut sein – sie können aber auch ganz leise beginnen

Bei einer diabetischen Neuropathie denken viele Menschen zuerst an brennende und schmerzende Füße. Tatsächlich kann die Erkrankung genauso gut mit zunehmender Taubheit beginnen. Manche Menschen spüren Kribbeln und elektrische Stiche, andere merken lediglich, dass sich der Boden unter den Füßen irgendwie anders anfühlt. Ein Teil der Betroffenen hat anfangs gar keine Beschwerden.

Gerade deshalb sollte die Nervengesundheit nicht erst dann zum Thema werden, sobald etwas weh tut.

Eine diabetische Polyneuropathie betrifft meistens zuerst die Füße und Unterschenkel. Sie kann das Schmerz-, Berührungs- und Temperaturempfinden verändern und dadurch Verletzungen begünstigen. Regelmäßige Kontrollen der Füße, geeignetes Schuhwerk und die Untersuchung der Nerven sind deshalb ein wichtiger Teil der Diabetesvorsorge.

Nervenschäden können außerdem innere Organe betreffen. Kreislaufprobleme, eine verlangsamte Magenentleerung, Verdauungsbeschwerden, Blasenprobleme, veränderte Schweißbildung oder sexuelle Funktionsstörungen können dazugehören. Solche Beschwerden müssen nicht durch Diabetes verursacht sein, verdienen aber eine vernünftige Abklärung.

Auch andere Ursachen für eine Polyneuropathie sollten mitgedacht werden. Besonders ein Vitamin-B12-Mangel ist relevant, unter anderem bei längerer Metforminbehandlung. Schilddrüsenerkrankungen, Nierenprobleme, Medikamente und Alkohol können ebenfalls Nerven schädigen. Genau deshalb ist die Diagnose mehr als die Feststellung: „Sie haben Diabetes, also kommt es vom Diabetes.“

Bereits deutlich entstandene Nervenschäden lassen sich häufig nicht vollständig rückgängig machen. Trotzdem können Sie sehr viel erreichen. Eine stabile Diabetesbehandlung, gute Blutdruck- und Blutfettwerte, Nichtrauchen, Bewegung und sorgfältiger Fußschutz können das weitere Fortschreiten beeinflussen und vor zusätzlichen Problemen schützen.

Schmerzen müssen ebenfalls nicht einfach ausgehalten werden. Heute stehen verschiedene Medikamente und örtliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die richtige Auswahl hängt von Ihren Beschwerden und Ihren weiteren Erkrankungen ab.

Das wichtigste Ziel besteht deshalb nicht darin, eine Neuropathie auf dem Befundzettel möglichst schön aussehen zu lassen.

Es geht darum, dass Sie sicher laufen können, Verletzungen früh entdecken, möglichst gut schlafen, sich bewegen können und Ihr Alltag nicht von Schmerzen oder Angst bestimmt wird.

Und vielleicht ist genau dieser Satz der wichtigste:

Ein Fuß muss nicht schmerzen, damit seine Nerven Aufmerksamkeit brauchen. Kribbeln und Brennen sind Warnsignale – zunehmende Taubheit kann aber mindestens genauso wichtig sein.

 


Quellen und Fachinformationen

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Aktuelle Praxisempfehlungen zur diabetischen Neuropathie, veröffentlicht im Januar 2026. Sie umfassen Früherkennung, Untersuchung und Behandlung der verschiedenen Formen diabetischer Nervenschäden.

Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes
Aktuelle Empfehlungen zur Untersuchung auf Polyneuropathie, einschließlich Kontrolle von Berührung, Druck, Vibration, Schmerz und Temperatur sowie der regelmäßigen Untersuchung von Beinen und Füßen.

Gemeinsamer Bundesausschuss – DMP Diabetes mellitus
Aktuelle Vorgaben zur regelmäßigen Untersuchung auf Neuropathie und Fußrisiken sowie zu risikogerechten Kontrollintervallen. Die aktuelle Richtlinienfassung ist seit dem 1. April 2026 in Kraft.

AWMF / Deutsche Gesellschaft für Neurologie – Diagnostik bei Polyneuropathien
Aktuelle neurologische Leitlinie zur systematischen Abklärung von Polyneuropathien, gültig bis März 2029.

Gesund.bund.de
Offizielle Patienteninformationen des Bundes zu diabetischer Neuropathie und Polyneuropathie, Beschwerden, Diagnostik und Behandlung.

Europäische Arzneimittelbehörde (EMA)
Aktuelle Produktinformationen zu Metformin weisen auf das Risiko erniedrigter Vitamin-B12-Werte bei längerer Behandlung hin und empfehlen eine Kontrolle bei entsprechendem Verdacht, beispielsweise bei Neuropathie oder Blutarmut.

Wichtiger Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine persönliche ärztliche Untersuchung. Neu auftretendes Kribbeln, Brennen, zunehmende Taubheit, Gangunsicherheit, Muskelschwäche oder Beschwerden der Verdauung, des Kreislaufs, der Blase oder Sexualfunktion sollten medizinisch eingeordnet werden, weil neben Diabetes auch andere Ursachen möglich sind.

Eine plötzlich deutliche Muskelschwäche, neue Lähmungserscheinungen, Ohnmacht, schwere Kreislaufbeschwerden, eine offene Fußwunde, ein stark geschwollener oder geröteter Fuß oder eine rasche Verschlechterung bestehender Beschwerden benötigen eine zeitnahe und je nach Schwere dringende medizinische Beurteilung.

Bildquelle

Bildquelle: Jennifer Orth Gesundheitsblog, KI-generiert

Stand

August 2026

 

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