Ein persönlicher Blick aus einer hausärztlichen Praxis
Seit vielen Jahren arbeite ich als Medizinische Fachangestellte, Primary Care Managerin und Praxisleitung in einer hausärztlichen Allgemeinmedizin. Ich kenne nicht nur die organisatorischen Abläufe einer Praxis, sondern erlebe jeden einzelnen Tag hautnah, welche Herausforderungen Ärztinnen, Ärzte und das gesamte Praxisteam bewältigen müssen, damit Patientinnen und Patienten überhaupt noch eine medizinische Versorgung erhalten. Was viele Menschen außerhalb des Gesundheitswesens nicht sehen, ist die enorme Belastung, die inzwischen längst zum Alltag geworden ist. Wir arbeiten nicht mehr unter normalen Bedingungen, sondern versuchen täglich, ein System aufrechtzuerhalten, das an immer mehr Stellen auseinanderzubrechen droht und dennoch von den Menschen getragen wird, die sich ihrer Verantwortung verpflichtet fühlen.
Ich schreibe diesen Beitrag nicht aus politischem Interesse und auch nicht, um jemanden persönlich anzugreifen. Ich schreibe ihn, weil ich täglich erlebe, wie Menschen Hilfe brauchen und Beschäftigte im Gesundheitswesen an ihre Belastungsgrenzen geraten. Gleichzeitig höre ich in politischen Debatten immer wieder, dass die ambulante Versorgung gestärkt werden soll, während die Realität in den Praxen genau das Gegenteil zeigt. Zwischen politischen Versprechen und dem tatsächlichen Arbeitsalltag klafft inzwischen eine Lücke, die immer größer wird.
Wer heute eine Hausarztpraxis betritt, sieht vielleicht ein volles Wartezimmer, ein ständig klingelndes Telefon und Mitarbeiterinnen, die scheinbar routiniert von einem Patienten zum nächsten gehen. Was viele jedoch nicht erkennen, ist die enorme organisatorische Leistung, die hinter jedem einzelnen Behandlungstag steckt. Während vorne Patienten angemeldet werden, müssen gleichzeitig Laborwerte kontrolliert, Rezepte erstellt, Überweisungen bearbeitet, Blutentnahmen durchgeführt, Impfungen vorbereitet, Pflegeheime betreut, Hausbesuche organisiert und zahllose Telefonate mit Krankenkassen, Pflegeeinrichtungen, Facharztpraxen und Krankenhäusern geführt werden. Parallel dazu kommen Notfälle, unangemeldete Akutfälle und ständig neue gesetzliche Vorgaben hinzu, die dokumentiert und umgesetzt werden müssen. Jeder Arbeitstag gleicht inzwischen einem permanenten Ausnahmezustand, in dem alle versuchen, irgendwie den Überblick zu behalten.
Besonders frustrierend ist dabei, dass die Politik immer neue Anforderungen formuliert, ohne gleichzeitig die Voraussetzungen dafür zu schaffen, diese überhaupt erfüllen zu können. Einerseits sollen Hausarztpraxen mehr Patientinnen und Patienten versorgen, längere Öffnungszeiten anbieten, zusätzliche Aufgaben aus den Krankenhäusern übernehmen, Prävention ausbauen, die Digitalisierung vorantreiben und gleichzeitig höchste Qualitätsstandards gewährleisten. Andererseits werden wirtschaftliche Spielräume eingeschränkt, bürokratische Anforderungen ausgeweitet und finanzielle Belastungen erhöht. Dieser Widerspruch ist längst nicht mehr theoretisch, sondern bestimmt jeden einzelnen Arbeitstag in den Praxen.
Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Rahmen der Krankenhausreform. Immer mehr Leistungen sollen künftig ambulant erbracht werden, was medizinisch in vielen Bereichen durchaus sinnvoll sein kann. Ambulante Eingriffe, Nachkontrollen und verschiedene diagnostische Leistungen können für Patientinnen und Patienten sogar Vorteile bringen. Doch gleichzeitig stellt sich eine entscheidende Frage, auf die bislang niemand eine überzeugende Antwort gegeben hat: Wer soll diese zusätzlichen Aufgaben überhaupt übernehmen? Bereits heute arbeiten viele Hausarzt- und Facharztpraxen an der Grenze ihrer personellen und organisatorischen Belastbarkeit. Wenn nun immer mehr Leistungen aus den Krankenhäusern in den ambulanten Bereich verlagert werden, ohne gleichzeitig ausreichend Personal, finanzielle Mittel und Planungssicherheit bereitzustellen, entsteht ein Problem, das sich nicht durch Idealismus lösen lässt.
Noch schwerer wiegt aus meiner Sicht die Entwicklung beim Fachkräftemangel. Immer mehr Medizinische Fachangestellte verlassen ihren Beruf, weil sie die dauerhafte Belastung nicht mehr tragen können. Viele Ärztinnen und Ärzte reduzieren ihre Arbeitszeit oder geben ihre Praxen vorzeitig auf, weil wirtschaftliche Unsicherheit, Bürokratie und permanenter Druck die Freude am Beruf zunehmend verdrängen. Gleichzeitig entscheiden sich immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte für eine eigene Niederlassung, weil sie sehen, welche Verantwortung, welche finanziellen Risiken und welche organisatorischen Herausforderungen damit inzwischen verbunden sind. Dadurch entsteht eine Entwicklung, deren Folgen heute bereits sichtbar werden und die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen dürfte.
Als Praxisleitung erlebe ich täglich, wie sehr sich unser gesamtes Team bemüht, trotz aller Schwierigkeiten jedem einzelnen Menschen gerecht zu werden. Niemand wird in unserem Beruf Medizinische Fachangestellte oder Hausärztin beziehungsweise Hausarzt, um möglichst wenig zu arbeiten. Im Gegenteil: Die meisten von uns haben diesen Beruf gewählt, weil sie Menschen helfen möchten. Genau deshalb schmerzt es besonders, wenn wir Patienten sagen müssen, dass Termine erst in einigen Wochen möglich sind oder bestimmte Leistungen aus organisatorischen Gründen verschoben werden müssen. Nicht, weil wir das möchten, sondern weil unsere personellen und zeitlichen Kapazitäten längst ausgeschöpft sind.
Besonders nachdenklich macht mich die Frage, welche Folgen diese Entwicklung für unsere Gesellschaft haben wird. Wenn immer mehr Praxen schließen, wenn immer weniger Nachwuchs nachkommt und gleichzeitig die Zahl älterer und chronisch kranker Menschen kontinuierlich steigt, dann wird sich die medizinische Versorgung zwangsläufig verschlechtern. Längere Wartezeiten, spätere Diagnosen und verzögerte Behandlungen können ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Menschen könnten Erkrankungen erst in einem fortgeschrittenen Stadium behandelt bekommen oder wichtige Vorsorgeuntersuchungen auslassen, weil Termine fehlen oder die Wege zu weit werden. Das bedeutet nicht, dass jede Verzögerung zwangsläufig tödlich endet, wohl aber, dass Versorgungslücken erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit vieler Menschen haben können.
Wer glaubt, dieses System ließe sich endlos belasten, irrt.
Es entsteht zunehmend der Eindruck, als wäre die ambulante Versorgung ein unerschöpflicher Puffer, den man beliebig weiter belasten könne. Immer dann, wenn irgendwo im System Kapazitäten fehlen, wird der Blick auf die Hausarztpraxen gerichtet. Krankenhäuser sollen entlastet werden, also sollen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte mehr übernehmen. Facharzttermine sind knapp, also sollen Hausärzte mehr koordinieren. Die Bevölkerung wird älter und multimorbider, also sollen Hausarztpraxen noch intensiver begleiten. Gleichzeitig sollen Prävention, Digitalisierung, Impfkampagnen, Disease-Management-Programme, Hausbesuche, Pflegeheimbetreuung und immer neue gesetzliche Aufgaben selbstverständlich mit erledigt werden. Doch irgendwann muss die Politik die einfache Frage beantworten: Woher sollen dafür eigentlich die Menschen kommen, die diese Arbeit leisten?
Denn weder Ärztinnen und Ärzte noch Medizinische Fachangestellte lassen sich auf Knopfdruck vermehren. Sie benötigen Jahre der Ausbildung, praktische Erfahrung und vor allem die Bereitschaft, einen Beruf auszuüben, der inzwischen von immer größerem Druck geprägt ist. Wenn gleichzeitig immer mehr Kolleginnen und Kollegen den Beruf verlassen, weil sie körperlich und psychisch erschöpft sind, kann niemand ernsthaft erwarten, dass die verbleibenden Beschäftigten diese Lücke dauerhaft schließen. Schon heute arbeiten viele Praxen an ihrer absoluten Belastungsgrenze. Laut Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung arbeiten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte im Durchschnitt mehr als 53 Stunden pro Woche, während rund 330.000 Medizinische Fachangestellte die ambulante Versorgung mittragen.
Hinter jeder Zahl stehen Menschen.
In politischen Diskussionen wird häufig über Fallzahlen, Budgets, Einsparungen und Wirtschaftlichkeit gesprochen. Doch hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Mensch. Hinter jeder Statistik verbirgt sich eine Mutter, die verzweifelt versucht, für ihr krankes Kind einen Termin zu bekommen. Ein älterer Patient, der seit Wochen unter Schmerzen leidet. Eine junge Frau, die auf eine wichtige Diagnose wartet. Ein Mann, der endlich psychologische Hilfe braucht und monatelang keinen Therapieplatz findet. Für diese Menschen sind Wartezeiten keine abstrakte Größe. Sie bedeuten Angst, Unsicherheit und oft das Gefühl, mit ihren Sorgen allein gelassen zu werden.
Auch für uns in den Praxen sind diese Situationen belastend. Es gibt kaum etwas Schwereres, als einem Menschen sagen zu müssen, dass wir im Moment keinen früheren Termin anbieten können, obwohl wir wissen, dass seine Sorgen berechtigt sind. Viele Patientinnen und Patienten glauben dann, wir wollten ihnen nicht helfen. Die Wahrheit ist eine andere. Wir würden oft gerne noch länger arbeiten, noch mehr Termine vergeben und noch mehr Menschen versorgen. Doch auch unser Tag hat nur vierundzwanzig Stunden, und irgendwann sind alle Ressourcen ausgeschöpft.
Der Preis politischer Entscheidungen wird in den Praxen bezahlt.
Gesetze werden in Berlin beschlossen. Die Konsequenzen landen auf unseren Schreibtischen. Jede neue Dokumentationspflicht, jede zusätzliche Vorgabe, jede neue Richtlinie und jede weitere bürokratische Anforderung kostet Zeit. Zeit, die nicht im Ministerium verloren geht, sondern direkt am Patienten fehlt. Während Politiker von Entbürokratisierung sprechen, wächst der Verwaltungsaufwand in vielen Praxen Jahr für Jahr weiter. Jeder zusätzliche Klick am Computer ist Zeit, in der wir keinen Menschen untersuchen, keine Fragen beantworten und keine Ängste nehmen können.
Es entsteht manchmal der Eindruck, als würde man glauben, medizinische Versorgung bestehe hauptsächlich aus Formularen, Kennzahlen und digitalen Prozessen. Doch Medizin beginnt mit einem Gespräch. Sie beginnt damit, einem Menschen zuzuhören. Sie beginnt damit, Veränderungen wahrzunehmen, zwischen den Zeilen zu lesen und manchmal auch das zu erkennen, was ein Patient selbst noch gar nicht aussprechen kann. Genau diese Zeit wird jedoch immer knapper.
Irgendwann wird niemand mehr übernehmen.
Was mir große Sorgen bereitet, ist nicht nur die aktuelle Situation, sondern vor allem die Zukunft. Schon heute suchen zahlreiche Praxen händeringend Nachfolger. Ärztinnen und Ärzte gehen in den Ruhestand, ohne jemanden zu finden, der ihre Praxis übernehmen möchte. Medizinische Fachangestellte orientieren sich beruflich um, weil sie unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr arbeiten möchten. Gleichzeitig steigt der Versorgungsbedarf einer älter werdenden Gesellschaft kontinuierlich an. Fachleute gehen davon aus, dass bis 2030 mehrere tausend Hausärztinnen und Hausärzte fehlen könnten, wenn sich die Entwicklung fortsetzt.
Dann stellt sich eine unbequeme Frage.
Wer wird die Menschen versorgen?
Wer behandelt die chronisch Kranken?
Wer fährt ins Pflegeheim?
Wer macht Hausbesuche?
Wer betreut Palliativpatienten?
Wer hört den Menschen zu?
Und irgendwann stellt sich dieselbe Frage auch für diejenigen, die heute politische Entscheidungen treffen. Denn Krankheit unterscheidet nicht zwischen Politikerinnen, Unternehmern, Angestellten oder Rentnern. Jeder Mensch wird irgendwann medizinische Hilfe brauchen. Auch diejenigen, die heute entscheiden, wie die Rahmenbedingungen für die ambulante Versorgung aussehen. Wenn es dann immer weniger Hausarztpraxen gibt, immer weniger Fachkräfte vorhanden sind und immer mehr Versorgungslücken entstehen, wird auch niemand für die „oberen Herrschaften“ einfach aus dem Nichts zur Verfügung stehen.
Gesundheit ist kein Geschäftsmodell.
Mich erschüttert zunehmend, dass wirtschaftliche Überlegungen häufig den Eindruck vermitteln, wichtiger zu sein als die Versorgung der Menschen. Natürlich muss auch ein Gesundheitssystem finanzierbar sein. Niemand bestreitet das. Aber Gesundheit darf niemals ausschließlich unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Denn anders als in vielen anderen Bereichen kann eine versäumte Behandlung oder eine zu spät gestellte Diagnose nicht einfach nachgeholt werden. Zeit lässt sich in der Medizin nicht zurückkaufen.
Wenn eine Patientin mit Brustschmerzen wochenlang auf einen Termin wartet, wenn eine Krebserkrankung später entdeckt wird oder wenn psychische Erkrankungen unbehandelt bleiben, weil die Versorgung nicht rechtzeitig erreichbar ist, dann kann das schwerwiegende Folgen haben. Genau deshalb warnen zahlreiche Berufsverbände und Fachgesellschaften seit Jahren vor den Auswirkungen von Personalengpässen und Versorgungslücken. Diese Warnungen dürfen nicht länger als bloße Interessenvertretung abgetan werden, sondern sollten als das verstanden werden, was sie sind: der eindringliche Hinweis der Menschen, die dieses System Tag für Tag am Laufen halten.
Politik darf sich nicht von der Realität entfernen.
Was mich in den vergangenen Jahren zunehmend beschäftigt, ist das Gefühl, dass zwischen den politischen Entscheidungsträgern und der tatsächlichen Versorgung vor Ort eine immer größere Distanz entstanden ist. Viele Entscheidungen mögen auf dem Papier logisch erscheinen, mögen in Gutachten schlüssig begründet oder in Haushaltsplänen nachvollziehbar sein. Doch die Realität in einer Hausarztpraxis lässt sich nicht in Tabellen, Statistiken oder Excel-Dateien abbilden. Sie besteht aus Menschen, die Schmerzen haben, Angst haben, verzweifelt sind oder einfach jemanden brauchen, der sich Zeit nimmt und zuhört. Sie besteht aus Ärztinnen und Ärzten, die jeden Tag Verantwortung für unzählige medizinische Entscheidungen tragen, und aus Medizinischen Fachangestellten, die dafür sorgen, dass dieser komplexe Ablauf überhaupt funktioniert. Wer über unser Gesundheitssystem entscheidet, sollte diese Realität nicht nur aus Akten kennen, sondern aus eigener Erfahrung verstehen. Denn Gesetze verändern nicht nur Strukturen, sondern den Alltag von Millionen Menschen.
Ich frage mich immer häufiger, wann zuletzt jemand aus der Bundespolitik einen ganzen Tag unangekündigt in einer durchschnittlichen Hausarztpraxis verbracht hat. Nicht für einen Pressetermin mit Kameras und vorbereiteten Gesprächen, sondern als stiller Beobachter eines ganz normalen Montags. Einen Tag, an dem das Telefon im Sekundentakt klingelt, Notfälle unangemeldet erscheinen, Angehörige verzweifelt Rat suchen, Pflegeheime Unterstützung benötigen und gleichzeitig hunderte organisatorische Aufgaben erledigt werden müssen. Erst dann wird deutlich, dass unsere Arbeit nicht aus einzelnen Tätigkeiten besteht, sondern aus einer permanenten Priorisierung dessen, was gerade am dringendsten ist. Jede Entscheidung bedeutet gleichzeitig, etwas anderes für einen kurzen Moment zurückstellen zu müssen. Dieser Spagat gelingt nur, weil die Menschen in den Praxen seit Jahren weit über ihre Belastungsgrenzen hinaus arbeiten.
Unsere Belastbarkeit ist keine unerschöpfliche Ressource.
Es scheint, als hätte sich die Politik daran gewöhnt, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen immer wieder zusätzliche Aufgaben übernehmen, Überstunden machen, auf Pausen verzichten und persönliche Belastungen stillschweigend akzeptieren. Vielleicht ist genau das das größte Problem. Weil wir jahrelang immer wieder Lösungen gefunden haben, entstand der Eindruck, wir würden auch künftig jede neue Herausforderung irgendwie bewältigen. Doch diese Annahme ist gefährlich. Denn sie übersieht, dass hinter jeder zusätzlichen Aufgabe ein Mensch steht, dessen Kräfte nicht unbegrenzt sind.
Leidenschaft für den Beruf ersetzt keine fehlenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Verantwortungsbewusstsein ersetzt keine ausreichende Finanzierung. Idealismus ersetzt keine politische Weitsicht. Und Engagement ersetzt keine funktionierenden Strukturen. Viele Kolleginnen und Kollegen haben jahrelang versucht, Defizite des Systems durch ihren persönlichen Einsatz auszugleichen. Sie haben länger gearbeitet, kurzfristig Dienste übernommen, Kolleginnen vertreten und immer wieder ihre eigenen Bedürfnisse hintenangestellt. Doch irgendwann ist auch die größte Motivation erschöpft. Niemand kann dauerhaft mehr leisten, als körperlich und psychisch möglich ist.
Die Folgen werden nicht morgen sichtbar. Sie sind bereits da.
Oft wird so getan, als würde über eine mögliche zukünftige Krise gesprochen. Dabei befinden wir uns längst mitten in dieser Entwicklung. Die Menschen erleben sie jeden Tag. Sie erleben monatelange Wartezeiten auf Facharzttermine. Sie erleben Hausarztpraxen, die keine neuen Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen können. Sie erleben Krankenhäuser, deren Personal am Limit arbeitet. Sie erleben Pflegeeinrichtungen, die Stellen nicht besetzen können, und Apotheken, die mit Lieferengpässen kämpfen. All diese Entwicklungen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sind Teil eines Systems, das an vielen Stellen gleichzeitig unter Druck geraten ist.
Als Praxisleitung sehe ich täglich die Auswirkungen. Ich sehe Patientinnen und Patienten, die sich entschuldigen, weil sie „nur eine Kleinigkeit“ haben, obwohl sie seit Wochen Beschwerden mit sich herumtragen. Ich sehe ältere Menschen, die verunsichert sind, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Ich sehe Angehörige, die zwischen Beruf, Pflege und eigener Erschöpfung kaum noch wissen, wie sie alles bewältigen sollen. Und ich sehe Kolleginnen und Kollegen, die trotz größter Professionalität immer häufiger an ihre Grenzen kommen. Das alles sind keine Einzelfälle mehr. Es ist zur Normalität geworden. Und genau das sollte uns allen Sorgen bereiten.
Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch Versorgung.
Gesundheitspolitik entscheidet nicht nur über Budgets oder Reformen. Sie entscheidet darüber, ob Menschen Vertrauen in ihren Staat haben. Solange Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, im Krankheitsfall gut versorgt zu werden, besteht dieses Vertrauen. Wenn sie jedoch erleben, dass Termine immer schwerer zu bekommen sind, dass Praxen schließen und sich niemand mehr zuständig fühlt, beginnt dieses Vertrauen zu bröckeln. Das ist gefährlich, denn ein funktionierendes Gesundheitssystem ist einer der wichtigsten Pfeiler unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Deshalb wünsche ich mir, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, den Mut haben, den Menschen ehrlich zu sagen, vor welchen Herausforderungen unser Gesundheitssystem tatsächlich steht. Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie kleiner redet. Im Gegenteil. Je länger notwendige Entscheidungen hinausgezögert werden, desto größer werden die Folgen. Noch besteht die Möglichkeit gegenzusteuern. Doch dieses Zeitfenster wird kleiner.
Denn hinter jeder politischen Entscheidung steht am Ende ein Mensch, der krank wird, Hilfe braucht und darauf vertraut, dass unser Gesundheitssystem für ihn da ist, wenn er es am dringendsten benötigt. Dieses Vertrauen dürfen wir nicht verspielen. Denn wenn es einmal verloren gegangen ist, wird es sehr viel schwieriger sein, es wieder zurückzugewinnen.
Wer soll diese Versorgung in Zukunft eigentlich noch tragen?
Diese Frage beschäftigt mich fast täglich. Nicht aus Pessimismus, sondern weil ich die Entwicklung unmittelbar miterlebe. Wenn ich mich mit Kolleginnen und Kollegen unterhalte, höre ich immer häufiger dieselben Sätze: „Ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe.“ Oder: „Wenn sich nichts ändert, höre ich früher auf.“ Das sind keine leeren Drohungen. Es sind Aussagen von Menschen, die ihren Beruf lieben, die ihre Patientinnen und Patienten seit Jahrzehnten begleiten und die sich niemals hätten vorstellen können, irgendwann ernsthaft darüber nachzudenken, ihre Praxis oder ihren Beruf aufzugeben. Doch Liebe zum Beruf allein bezahlt keine Gehälter, schafft keine zusätzlichen Fachkräfte und schützt auch nicht vor körperlicher und psychischer Erschöpfung.
Noch erschreckender finde ich, dass diese Warnungen seit Jahren ausgesprochen werden und dennoch viel zu selten die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Berufsverbände, Kassenärztliche Vereinigungen, Pflegeverbände, Apothekerschaft und viele andere weisen immer wieder auf dieselben Probleme hin. Es sind keine neuen Erkenntnisse. Es handelt sich nicht um überraschende Entwicklungen. Vieles davon war seit Jahren vorhersehbar. Und trotzdem entsteht der Eindruck, dass häufig erst dann gehandelt wird, wenn eine Situation bereits eskaliert ist. Gute Gesundheitspolitik sollte jedoch nicht erst auf Krisen reagieren. Sie sollte Krisen verhindern.
Medizin braucht Zeit. Und Zeit kann man nicht beliebig kürzen.
Ein Mensch ist keine Nummer. Kein Fall. Keine Quartalsabrechnung. Hinter jedem Termin steckt eine Geschichte. Manche Patientinnen und Patienten kommen mit einer einfachen Erkältung, andere mit der Angst, schwer krank zu sein. Wieder andere benötigen gar nicht in erster Linie ein Rezept oder eine Überweisung, sondern jemanden, der ihnen zuhört, Zusammenhänge erklärt und Orientierung gibt. Genau diese Gespräche sind oft der Schlüssel für eine gute medizinische Versorgung.
Doch wie soll das gelingen, wenn der Terminkalender überfüllt ist, das Wartezimmer voll sitzt und gleichzeitig das Telefon ohne Unterbrechung klingelt? Wie soll ein Arzt sich ausreichend Zeit nehmen können, wenn draußen bereits die nächsten zwanzig Menschen warten? Wie soll eine Medizinische Fachangestellte in Ruhe auf die Sorgen einer älteren Patientin eingehen, wenn gleichzeitig Blutentnahmen vorbereitet, Laborproben verschickt und Notfälle koordiniert werden müssen?
Wir versuchen es trotzdem. Tag für Tag.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem Zeit nicht mehr durch Organisation ersetzt werden kann. Dann bleibt nur noch die Erkenntnis, dass gute Medizin Grenzen hat, wenn ihr die notwendigen Rahmenbedingungen fehlen.
Die größte Gefahr ist, dass wir uns an diesen Zustand gewöhnen.
Vielleicht ist genau das das Erschreckendste. Vieles, was heute als normal angesehen wird, wäre noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Wartezeiten von mehreren Monaten auf Facharzttermine. Hausarztpraxen, die keine neuen Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen können. Medizinische Einrichtungen, die Personal suchen und niemanden finden. Pflegekräfte, die ihre Arbeitszeit reduzieren müssen, um selbst gesund zu bleiben. All das wird inzwischen fast selbstverständlich hingenommen.
Doch es ist nicht normal.
Es darf nicht normal werden.
Denn jedes Mal, wenn wir beginnen, solche Zustände als unvermeidlich zu akzeptieren, entfernen wir uns ein Stück weiter von dem Anspruch, den wir an unser Gesundheitssystem eigentlich haben sollten.
Deutschland verfügt über hervorragende medizinische Fachkräfte. Über engagierte Ärztinnen und Ärzte. Über hochqualifizierte Pflegekräfte. Über motivierte Medizinische Fachangestellte. Über Therapeutinnen, Therapeuten und viele andere Berufsgruppen, die täglich Großartiges leisten. Das Problem sind nicht die Menschen. Das Problem sind die Rahmenbedingungen, unter denen diese Menschen arbeiten müssen.
Gesundheit ist keine Ausgabe. Gesundheit ist eine Investition.
Immer wieder wird darüber gesprochen, wie teuer unser Gesundheitssystem sei. Natürlich kostet medizinische Versorgung Geld. Aber Krankheit kostet ebenfalls Geld. Chronische Erkrankungen, lange Arbeitsunfähigkeiten, Frühverrentungen und vermeidbare Krankenhausaufenthalte verursachen enorme volkswirtschaftliche Schäden. Jeder Euro, der sinnvoll in Prävention, Früherkennung, ambulante Versorgung und ausreichendes Personal investiert wird, ist nicht einfach eine Ausgabe. Er ist eine Investition in die Zukunft unseres Landes.
Denn eine funktionierende Gesundheitsversorgung bedeutet nicht nur, dass Menschen medizinisch behandelt werden. Sie bedeutet, dass Kinder gesund aufwachsen können, dass Arbeitnehmer schneller wieder in ihren Beruf zurückkehren, dass ältere Menschen länger selbstständig bleiben und dass Familien Sicherheit haben. Gesundheit ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass unsere Gesellschaft überhaupt funktionieren kann.
Mein Appell richtet sich nicht gegen Menschen. Er richtet sich für Menschen.
Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich jemanden angreifen möchte. Ich schreibe sie, weil ich nicht länger schweigen möchte. Weil ich jeden Tag sehe, wie viel Herzblut in diesem Beruf steckt und wie oft genau dieses Engagement als selbstverständlich angesehen wird. Ich wünsche mir keine Schuldzuweisungen. Ich wünsche mir Verantwortungsbewusstsein. Ich wünsche mir, dass diejenigen, die über unser Gesundheitssystem entscheiden, den Mut haben, den Menschen zuzuhören, die dieses System Tag für Tag tragen.
Gehen Sie nicht nur in Ministerien und Ausschüsse. Kommen Sie in unsere Hausarztpraxen. Begleiten Sie uns einen ganzen Arbeitstag. Erleben Sie, was es bedeutet, Verantwortung für Hunderte Patientinnen und Patienten zu übernehmen. Sehen Sie die Sorgen der Menschen. Spüren Sie den Zeitdruck. Erleben Sie die vielen kleinen Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Erst dann wird verständlich, warum so viele Beschäftigte im Gesundheitswesen nicht mehr von einer Belastung sprechen, sondern von einer Überlastung.
Denn eines ist sicher: Ein Gesundheitssystem lebt nicht von Gesetzen allein. Es lebt von den Menschen, die jeden Morgen ihre Praxistür aufschließen, obwohl sie längst erschöpft sind. Es lebt von Ärztinnen und Ärzten, die trotz aller Schwierigkeiten weiter Verantwortung übernehmen. Es lebt von Medizinischen Fachangestellten, Pflegekräften und Therapeutinnen und Therapeuten, die nicht aufgeben, obwohl sie allen Grund dazu hätten.
Aber kein System der Welt kann dauerhaft darauf bauen, dass seine Beschäftigten ihre eigenen Grenzen immer weiter verschieben.
Irgendwann ist diese Grenze erreicht.
Und ich habe die große Sorge, dass wir diesem Punkt näher sind, als viele heute noch wahrhaben wollen.
