Wer zum ersten Mal hört, dass der Blutzucker zu hoch ist, hat meist viele Fragen auf einmal. Reicht es zunächst, die Ernährung zu verändern und sich mehr zu bewegen, oder braucht es bereits Medikamente? Warum bekommt eine Person Metformin, während jemand anderes direkt einen SGLT2-Hemmer oder ein Medikament wie Semaglutid erhält? Wann kommt Insulin ins Spiel, und warum gibt es davon so viele verschiedene Sorten? Die Diabetesbehandlung ist in den vergangenen Jahren vielfältiger geworden, aber eigentlich auch sinnvoller, denn heute wird nicht mehr jeder Mensch nach demselben festen Schema behandelt. Neben dem Blutzucker wird berücksichtigt, wie es Ihrem Herzen und Ihren Nieren geht, ob Übergewicht oder eine Fettleber besteht, wie hoch Ihr Risiko für Unterzuckerungen ist, welche anderen Erkrankungen Sie haben und welche Therapie sich vernünftig in Ihren Alltag einfügt.
Deshalb können zwei Menschen mit fast demselben HbA1c unterschiedliche Medikamente erhalten und trotzdem beide richtig behandelt werden. Bei einem Menschen steht vielleicht eine Herzschwäche im Vordergrund, bei einem anderen eine chronische Nierenerkrankung, während bei einem dritten deutliches Übergewicht ein wichtiger Teil des Stoffwechselproblems ist. Moderne Diabetesmedikamente können deshalb teilweise wesentlich mehr als nur eine Zahl auf dem Laborzettel verändern. Einige schützen zusätzlich Herz oder Nieren, andere unterstützen das Gewichtsmanagement und wieder andere sind besonders hilfreich, wenn Unterzuckerungen möglichst vermieden werden sollen. Die aktuellen Empfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der American Diabetes Association richten die Medikamentenwahl deshalb ausdrücklich nach diesen zusätzlichen gesundheitlichen Zielen aus.
Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass ältere Medikamente plötzlich schlecht geworden sind. Metformin bleibt für sehr viele Menschen ein sinnvoller Bestandteil der Therapie, bestimmte ältere Tabletten können in ausgewählten Situationen weiterhin gut passen und Insulin ist bei einem echten Insulinmangel unverzichtbar. Entscheidend ist nicht, ob ein Medikament besonders neu klingt, sondern ob es für Ihre persönliche Situation einen sinnvollen Nutzen bringt.
Merkkasten: Bei Diabetes wird heute nicht einfach nach dem Motto „erst diese Tablette, danach die nächste“ behandelt. Blutzucker, Herz, Nieren, Gewicht, Lebensalter, Unterzuckerungsrisiko und Ihre persönlichen Ziele entscheiden gemeinsam darüber, welche Behandlung sinnvoll ist.
Prädiabetes: Noch kein Typ-2-Diabetes, aber ein wichtiger Zeitpunkt zum Handeln
Bei einem Prädiabetes liegen die Blutzuckerwerte bereits über dem normalen Bereich, erreichen aber noch nicht die Werte eines Typ-2-Diabetes. Diese Phase sollte ernst genommen werden, gleichzeitig besteht kein Grund, die Diagnose als unvermeidlichen Beginn eines späteren Diabetes zu betrachten. Gerade jetzt kann sich häufig noch sehr viel beeinflussen, weil der Körper in der Regel weiterhin eigenes Insulin produziert und die Stoffwechselstörung noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei einem länger bestehenden Typ-2-Diabetes.
Im Mittelpunkt stehen zunächst regelmäßige Bewegung, eine Ernährung, die dauerhaft zu Ihnen passt, ausreichend Schlaf und bei vorhandenem Übergewicht eine realistische Gewichtsreduktion. Dabei müssen Sie weder Zucker vollständig verbannen noch auf Brot, Kartoffeln oder Obst verzichten. Viel hilfreicher ist eine Ernährung, bei der Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, geeignete Eiweißquellen, Nüsse und überwiegend wenig stark verarbeitete Lebensmittel regelmäßig vorkommen. Auch Bewegung muss nicht bedeuten, plötzlich täglich Sport zu treiben. Zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen und etwas Muskeltraining verbessern bereits die Wirkung des körpereigenen Insulins und können dazu beitragen, dass der Blutzucker wieder günstiger reagiert.
Bei Menschen mit einem besonders hohen Risiko für Typ-2-Diabetes kann zusätzlich Metformin erwogen werden. Das betrifft beispielsweise Menschen mit deutlich erhöhten Vorstufenwerten, ausgeprägtem Übergewicht oder Frauen, die früher einen Schwangerschaftsdiabetes hatten. Metformin wird dabei nicht gegeben, weil Prädiabetes automatisch mit Medikamenten behandelt werden müsste, sondern weil bei bestimmten Risikokonstellationen die Wahrscheinlichkeit eines späteren Typ-2-Diabetes besonders hoch ist. Die aktuellen ADA-Empfehlungen sehen Metformin genau für solche ausgewählten Hochrisikosituationen als Möglichkeit.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage bei Prädiabetes zunächst nicht: „Welche Tablette soll ich nehmen?“, sondern vielmehr: „Wie hoch ist mein persönliches Risiko und welche Veränderungen können bei mir wirklich etwas bewirken?“
Wenn Typ-2-Diabetes festgestellt wird, beginnt die Behandlung nicht bei jedem Menschen gleich
Wird tatsächlich Typ-2-Diabetes festgestellt, gehören Ernährung, Bewegung und weitere Lebensstilmaßnahmen weiterhin zur Behandlung. Gleichzeitig wird geschaut, ob Medikamente von Anfang an sinnvoll sind. Bei leicht bis mäßig erhöhten Werten und ohne größere Begleiterkrankungen kann Metformin weiterhin ein sehr guter Ausgangspunkt sein. Besteht dagegen bereits eine Herzschwäche oder chronische Nierenerkrankung, können SGLT2-Hemmer schon sehr früh besonders wichtig werden, weil sie zusätzlich zum Blutzucker auch diese Organe schützen können. Bei deutlichem Übergewicht oder Adipositas können GLP-1-Rezeptoragonisten oder Tirzepatid besonders interessant sein, weil damit Blutzucker und Gewicht gleichzeitig beeinflusst werden.
Auch eine Kombination aus mehreren Medikamenten kann bereits früh sinnvoll sein, wenn die Ausgangswerte deutlich über dem persönlichen Zielbereich liegen. Die Vorstellung, jedes Medikament müsse zunächst monatelang allein ausprobiert werden, bevor das nächste hinzukommt, ist heute zu starr. Die aktuelle DDG-Praxisempfehlung von 2026 berücksichtigt ausdrücklich frühe Kombinationstherapien und moderne Medikamente wie orales Semaglutid und Tirzepatid.
Sind die Blutzuckerwerte dagegen sehr hoch und bestehen deutlicher Durst, häufiges Wasserlassen, Erschöpfung oder ungewollter Gewichtsverlust, kann Insulin zunächst die sicherste Behandlung sein. Bei Typ-2-Diabetes muss eine solche Insulintherapie nicht automatisch für immer bestehen bleiben. Sobald die starke Überzuckerung beseitigt ist und sich der Stoffwechsel erholt hat, kann erneut geprüft werden, welche Therapie langfristig gebraucht wird. Die ADA empfiehlt Insulin insbesondere bei sehr hohen Werten, deutlichen Beschwerden oder Zeichen eines ausgeprägten Insulinmangels.
Metformin: Für viele Menschen weiterhin eine bewährte Grundlage
Metformin gehört seit vielen Jahrzehnten zu den wichtigsten Medikamenten bei Typ-2-Diabetes und spielt auch 2026 weiterhin eine große Rolle. Es sorgt vor allem dafür, dass die Leber weniger Glukose in das Blut abgibt und dass der Körper besser mit dem bereits vorhandenen Insulin umgehen kann. Der Blutzucker sinkt dadurch, ohne dass die Bauchspeicheldrüse ständig zusätzlich Insulin ausschütten muss. Deshalb verursacht Metformin allein normalerweise keine Unterzuckerungen und führt in der Regel auch nicht zu einer Gewichtszunahme.
Viele Menschen vertragen Metformin gut, manche bekommen jedoch besonders zu Beginn Blähungen, Bauchdruck, Durchfall oder Übelkeit. Solche Beschwerden bedeuten nicht automatisch, dass das Medikament dauerhaft ungeeignet ist. Häufig hilft es, zunächst mit einer kleineren Menge zu beginnen, das Medikament zu einer Mahlzeit einzunehmen und die Dosis erst langsam zu erhöhen. Manche Menschen vertragen außerdem eine Retardform besser, bei der der Wirkstoff langsamer freigesetzt wird. Genau diese langsame Dosiserhöhung und die Retardform nennt auch die ADA als Möglichkeiten, Magen-Darm-Beschwerden zu vermindern.
Bei einer längerfristigen Einnahme sollte außerdem an Vitamin B12 gedacht werden. Metformin kann dessen Aufnahme beeinträchtigen, weshalb bei entsprechender Therapiedauer oder Beschwerden gelegentlich eine Kontrolle sinnvoll sein kann. Das ist besonders interessant, wenn beispielsweise Blutarmut, ungewöhnliche Müdigkeit oder Kribbeln beziehungsweise Taubheitsgefühle bestehen, weil ein Vitamin-B12-Mangel solche Beschwerden ebenfalls verursachen kann.
Auch die Nierenfunktion gehört regelmäßig mit in den Blick. Metformin wird über die Nieren ausgeschieden und kann bei stark eingeschränkter Nierenleistung nicht mehr sicher verwendet werden. Bei akuten Erkrankungen mit erheblichem Flüssigkeitsverlust, starkem Erbrechen oder Durchfall kann es ebenfalls Situationen geben, in denen das Medikament vorübergehend pausiert wird. Deshalb ist es sinnvoll, nicht erst während eines schweren Magen-Darm-Infektes zu überlegen, was zu tun ist, sondern sich vorher einen persönlichen Plan erklären zu lassen.
SGLT2-Hemmer: Medikamente, die Blutzucker, Herz und Nieren gleichzeitig im Blick haben können
Zu den in Deutschland besonders wichtigen SGLT2-Hemmern gehören Empagliflozin und Dapagliflozin. Diese Medikamente wirken an den Nieren. Normalerweise wird Glukose dort zunächst aus dem Blut gefiltert und anschließend fast vollständig wieder in den Körper zurückgeholt. SGLT2-Hemmer blockieren einen Teil dieses Rücktransportes, sodass mehr Glukose mit dem Urin ausgeschieden wird. Dadurch sinkt der Blutzucker, häufig geht etwas Körpergewicht verloren und auch der Blutdruck kann leicht sinken.
Der eigentliche Grund, warum diese Medikamentengruppe in den vergangenen Jahren so wichtig geworden ist, liegt jedoch nicht nur im Blutzucker. Besonders bei Herzschwäche und chronischer Nierenerkrankung können diese Wirkstoffe einen zusätzlichen Schutz bieten. Deshalb kann ein SGLT2-Hemmer auch dann sinnvoll sein, wenn der HbA1c bereits relativ gut aussieht. In dieser Situation erhält man also nicht einfach „noch eine Zuckertablette“, sondern möglicherweise ein Medikament, das hauptsächlich Herz oder Nieren unterstützen soll. Die aktuellen internationalen Empfehlungen sehen diesen Einsatz ausdrücklich unabhängig davon vor, ob der HbA1c noch deutlich gesenkt werden muss.
Da mit dem Urin mehr Glukose ausgeschieden wird, können Pilzinfektionen im Genitalbereich häufiger vorkommen. Frauen bemerken beispielsweise Juckreiz oder Brennen im Vaginalbereich, Männer können eine Pilzinfektion beziehungsweise Entzündung im Bereich der Eichel entwickeln. Meist lassen sich solche Beschwerden gut behandeln. Übertriebene Intimhygiene oder aggressive Reinigungsmittel sind keine gute Vorbeugung, weil sie die empfindliche Haut zusätzlich reizen können.
Eine seltene, aber wichtige Nebenwirkung ist die Ketoazidose. Das Besondere daran ist, dass der Blutzucker dabei unter SGLT2-Hemmern manchmal gar nicht extrem hoch sein muss. Das Risiko steigt insbesondere bei längerem Fasten, starkem Flüssigkeitsmangel, schweren Erkrankungen, größeren Operationen oder ausgeprägtem Insulinmangel. Deshalb werden diese Medikamente vor bestimmten Operationen und bei schweren akuten Erkrankungen vorübergehend pausiert. Starke Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, ungewöhnliche Schwäche oder eine auffällig tiefe und schnelle Atmung sollten deshalb rasch medizinisch beurteilt werden.
Bei Typ-1-Diabetes werden diese Medikamente in Deutschland nicht regulär zur Glukosesenkung eingesetzt, weil das Ketoazidoserisiko dort deutlich problematischer ist.
Merkkasten: SGLT2-Hemmer sind heute wesentlich mehr als Blutzuckertabletten. Bei geeigneten Menschen können sie besonders Herz und Nieren schützen und deshalb selbst bei einem bereits guten HbA1c sinnvoll sein.
GLP-1-Rezeptoragonisten: Wenn Blutzucker und Sättigungsgefühl gemeinsam beeinflusst werden
Zu den GLP-1-Rezeptoragonisten gehören unter anderem Semaglutid, Dulaglutid und Liraglutid. Ältere Vertreter dieser Gruppe sind beispielsweise Exenatid und Lixisenatid. Semaglutid gibt es zur Diabetesbehandlung sowohl als Injektion als auch in einer Tablettenform. Die aktuelle DDG-Praxisempfehlung berücksichtigt ausdrücklich auch die orale Semaglutidtherapie.
Diese Medikamente nutzen einen Mechanismus, den Ihr Körper selbst kennt. Nach dem Essen setzt der Darm Hormone frei, die der Bauchspeicheldrüse signalisieren, bei erhöhtem Blutzucker mehr Insulin freizusetzen. Gleichzeitig wird die Freisetzung von Glukagon gebremst, das Sättigungsgefühl verstärkt und die Magenentleerung teilweise verlangsamt. Dadurch sinkt der Blutzucker und viele Menschen bemerken gleichzeitig, dass sie früher satt werden und kleinere Portionen benötigen.
Gerade bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas kann daraus eine deutliche Gewichtsabnahme entstehen. Einige GLP-1-Rezeptoragonisten bieten außerdem nachgewiesene Vorteile für Herz und Gefäße, bei bestimmten Wirkstoffen spielen inzwischen auch Nierenvorteile eine Rolle. Deshalb kann diese Medikamentengruppe bei Typ-2-Diabetes mit Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders interessant sein.
Besonders am Anfang können Übelkeit, Völlegefühl, Aufstoßen, Durchfall oder Verstopfung auftreten. Deshalb wird die Dosis normalerweise schrittweise erhöht. Wenn Sie nach Beginn der Therapie plötzlich schon nach einer kleinen Portion satt sind, ist es meist sinnvoll, diese neue Sättigung ernst zu nehmen und kleinere Mahlzeiten zu essen, statt die gewohnte große Portion trotzdem vollständig zu verzehren.
Allein verursachen GLP-1-Rezeptoragonisten normalerweise nur selten Unterzuckerungen. Werden sie mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen kombiniert, kann deren Dosis allerdings zu hoch werden und muss gegebenenfalls angepasst werden.
GLP-1-Rezeptoragonisten ersetzen bei Typ-1-Diabetes kein Insulin. Ein echter Insulinmangel kann durch diese Medikamente nicht ausgeglichen werden.
Tirzepatid: Zwei Darmhormon-Systeme in einem Medikament
Tirzepatid wird häufig gemeinsam mit GLP-1-Rezeptoragonisten genannt, gehört aber genau genommen zu einer etwas anderen Gruppe. Das Medikament wirkt gleichzeitig über GIP und GLP-1, zwei körpereigene Hormonsysteme, die bei der Steuerung von Insulinfreisetzung, Blutzucker, Appetit und Sättigung eine Rolle spielen.
Bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes kann Tirzepatid den HbA1c stark senken und gleichzeitig eine deutliche Gewichtsabnahme ermöglichen. Gerade deshalb hat das Medikament bei Typ-2-Diabetes und gleichzeitigem Übergewicht beziehungsweise Adipositas einen wichtigen Stellenwert bekommen. Die aktuellen DDG-Empfehlungen berücksichtigen Tirzepatid inzwischen ausdrücklich als Bestandteil der Typ-2-Diabetestherapie.
Tirzepatid wird einmal pro Woche gespritzt. Wie bei GLP-1-Rezeptoragonisten wird langsam aufdosiert, weil besonders zu Beginn Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall oder Verstopfung auftreten können. Allein verursacht Tirzepatid normalerweise kaum Unterzuckerungen, bei einer gleichzeitigen Behandlung mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen muss deren Dosis jedoch möglicherweise angepasst werden.
DPP-4-Hemmer: Eine eher sanfte und häufig unkomplizierte Möglichkeit
DPP-4-Hemmer verlängern die Wirkung bestimmter körpereigener Darmhormone. Dadurch kann die Bauchspeicheldrüse nach dem Essen etwas besser auf steigende Glukosewerte reagieren. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Sitagliptin, Linagliptin, Vildagliptin, Saxagliptin und Alogliptin.
Die Wirkung auf den HbA1c ist meist schwächer als bei Semaglutid oder Tirzepatid. Dafür sind diese Medikamente in der Regel gut verträglich, verändern das Gewicht kaum und verursachen allein nur selten Unterzuckerungen. Gerade bei älteren Menschen oder bei Personen, bei denen eine möglichst einfache und sichere Behandlung wichtiger ist als eine starke Gewichtsabnahme, können sie deshalb weiterhin gut passen. Die ADA ordnet DPP-4-Hemmer bei der Blutzuckersenkung als eher mittelstark ein, betont aber ihr geringes Hypoglykämierisiko und ihre Gewichtneutralität.
Bei eingeschränkter Nierenfunktion müssen einige DPP-4-Hemmer niedriger dosiert werden. Linagliptin ist hierbei eine Ausnahme. Saxagliptin wird bei bereits vorhandener Herzschwäche eher zurückhaltend eingesetzt.
Eine wichtige Kombination ist nicht sinnvoll: DPP-4-Hemmer werden nicht gemeinsam mit GLP-1-Rezeptoragonisten oder Tirzepatid eingesetzt, weil beide Therapien am selben Hormonsystem ansetzen und der DPP-4-Hemmer keinen sinnvollen zusätzlichen Effekt bringt.
Sulfonylharnstoffe: Wirksam, aber mit einem höheren Risiko für Unterzuckerungen
Sulfonylharnstoffe gehören zu den älteren Diabetesmedikamenten. Bekannte Wirkstoffe sind Glimepirid, Gliclazid und Glibenclamid. Sie regen die Bauchspeicheldrüse dazu an, mehr Insulin freizusetzen. Dadurch können sie den Blutzucker durchaus wirksam senken, die Insulinausschüttung erfolgt jedoch weniger abhängig davon, ob der Blutzucker gerade hoch oder niedrig ist.
Genau dadurch können Unterzuckerungen entstehen, besonders wenn Mahlzeiten ausgelassen werden, weniger gegessen wird als geplant oder die Nierenfunktion eingeschränkt ist. Auch eine Gewichtszunahme kann auftreten. Gerade bei älteren Menschen wird deshalb sorgfältig abgewogen, ob diese Medikamentengruppe die beste Wahl ist. Glibenclamid kann besonders lange wirken und damit länger anhaltende Unterzuckerungen verursachen.
Sulfonylharnstoffe haben trotzdem nicht vollständig ausgedient. Sie sind wirksam, vergleichsweise kostengünstig und können in bestimmten Situationen weiterhin eine sinnvolle Möglichkeit sein. Sie besitzen allerdings nicht den zusätzlichen Herz-, Nieren- oder Gewichtsvorteil modernerer Medikamente.
Glinide: Kurz wirkende Unterstützung rund um die Mahlzeit
Glinide beziehungsweise Meglitinide arbeiten ähnlich wie Sulfonylharnstoffe, wirken jedoch kürzer und werden unmittelbar an Mahlzeiten gekoppelt. In Deutschland ist besonders Repaglinid bekannt; Nateglinid gehört ebenfalls zur Wirkstoffgruppe, spielt hierzulande aber eine geringere Rolle.
Diese Medikamente können für bestimmte Menschen mit wechselnden Essenszeiten interessant sein, weil ihre Wirkung kürzer auf die jeweilige Mahlzeit ausgerichtet ist. Trotzdem können auch Glinide Unterzuckerungen und eine Gewichtszunahme verursachen. Deshalb spielen sie in der heutigen Behandlung eine wesentlich kleinere Rolle als beispielsweise Metformin, SGLT2-Hemmer oder GLP-1-basierte Medikamente.
Acarbose: Sie bremst den Zuckeranstieg nach dem Essen
Acarbose gehört zu den sogenannten Alpha-Glukosidase-Hemmern und arbeitet direkt im Darm. Das Medikament bremst dort die Aufspaltung bestimmter Kohlenhydrate, sodass die enthaltene Glukose langsamer aufgenommen wird. Der Blutzucker steigt nach einer Mahlzeit dadurch weniger schnell an.
Acarbose verursacht allein kaum Unterzuckerungen und ist weitgehend gewichtsneutral. Der Nachteil liegt ebenfalls im Darm, denn ein Teil der nicht vollständig aufgespaltenen Kohlenhydrate gelangt weiter in den Dickdarm und wird dort von Bakterien verarbeitet. Dadurch können Blähungen, Bauchdruck und Durchfall entstehen.
Aus diesem Grund wird Acarbose heute deutlich seltener eingesetzt als früher. Bei Menschen mit besonders ausgeprägten Blutzuckerspitzen nach dem Essen und wenn andere Medikamente nicht passend sind, kann sie trotzdem eine Möglichkeit sein.
Pioglitazon: Bessere Wirkung des vorhandenen Insulins, aber nicht für jeden geeignet
Pioglitazon verbessert die Empfindlichkeit von Muskel-, Fett- und Lebergewebe gegenüber Insulin. Der Körper kann dadurch das vorhandene Insulin besser nutzen. Allein verursacht Pioglitazon nur selten Unterzuckerungen.
Der Nachteil besteht darin, dass Gewichtszunahme und Wassereinlagerungen auftreten können. Bei bestehender Herzschwäche ist das problematisch, weshalb Pioglitazon dort nicht eingesetzt werden sollte. Zusätzlich muss besonders bei älteren Menschen ein erhöhtes Knochenbruchrisiko berücksichtigt werden. Die ADA weist außerdem darauf hin, dass Pioglitazon bei aktiver Blasenkrebserkrankung nicht verwendet werden soll.
In Deutschland wird Pioglitazon deshalb vergleichsweise gezielt und zurückhaltend eingesetzt. Es kann für ausgewählte Menschen weiterhin sinnvoll sein, ist aber kein allgemeines Standardmedikament für jeden Typ-2-Diabetes.
Kombinationstabletten: Zwei Wirkstoffe in einer Tablette
Viele Menschen nehmen im Verlauf mehr als ein Diabetesmedikament ein. Um die tägliche Tablettenmenge übersichtlicher zu machen, gibt es verschiedene Fixkombinationen, bei denen zwei Wirkstoffe bereits in einer Tablette enthalten sind. Häufig wird beispielsweise Metformin mit einem SGLT2-Hemmer oder einem DPP-4-Hemmer kombiniert.
Für den Körper ist das keine völlig neue Medikamentengruppe. Die beiden bekannten Wirkstoffe werden lediglich gemeinsam verabreicht. Der Vorteil besteht vor allem darin, dass weniger einzelne Tabletten benötigt werden und die tägliche Einnahme einfacher werden kann.
Nicht jede Kombination ist allerdings sinnvoll. Wie bereits beschrieben, sollte ein DPP-4-Hemmer nicht zusätzlich zu einem GLP-1-Rezeptoragonisten oder Tirzepatid gegeben werden.
Insulin genauer erklärt: Warum es so viele verschiedene Sorten gibt
Insulin ist kein einzelnes Medikament mit immer derselben Wirkung. Unser gesunder Körper gibt Insulin nämlich auf zwei unterschiedliche Arten ab. Einerseits wird rund um die Uhr eine kleine Grundmenge ausgeschüttet, damit zwischen den Mahlzeiten und nachts nicht zu viel Glukose aus der Leber ins Blut gelangt. Andererseits schüttet die Bauchspeicheldrüse nach einer Mahlzeit rasch zusätzliches Insulin aus, damit die Glukose aus dem Essen verarbeitet werden kann.
Genau diese beiden Aufgaben versucht eine moderne Insulintherapie nachzubilden. Deshalb gibt es Basalinsuline für den Grundbedarf und Mahlzeiteninsuline für das Essen. Zusätzlich existieren Mischinsuline, Kombinationen aus einem sehr langen und einem schnellen Insulin sowie inzwischen sogar ein einmal wöchentlich anzuwendendes Basalinsulin.
Der Name eines Insulins allein sagt deshalb noch wenig darüber aus, wann es gespritzt werden muss. Wichtig ist, zu welcher Gruppe es gehört und welche Aufgabe es in Ihrem persönlichen Behandlungsschema übernimmt.
Merkkasten: Stellen Sie sich eine Insulintherapie wie zwei Ebenen vor. Das Basalinsulin sorgt im Hintergrund für die Grundversorgung, während Mahlzeiteninsulin den zusätzlichen Bedarf beim Essen abdeckt.
Kurzwirksames Humaninsulin: Der klassische Begleiter zu Mahlzeiten
Humaninsulin entspricht in seinem Aufbau weitgehend dem menschlichen Insulin und war über viele Jahre der Standard für Mahlzeiten. Es beginnt nach der Injektion langsamer zu wirken als moderne schnelle Insulinanaloga. Deshalb muss zwischen Spritzen und Essen häufig ein größerer zeitlicher Abstand eingeplant werden.
Seine Wirkung hält außerdem länger an. Das kann beispielsweise bedeuten, dass die Wirkung einer Mittagsdosis noch vorhanden ist, obwohl das Essen längst verdaut wurde. Dadurch kann je nach Tagesablauf später eine Unterzuckerung entstehen.
Humaninsulin ist keineswegs grundsätzlich schlecht oder veraltet und kann bei manchen Menschen weiterhin sehr gut funktionieren. Moderne schnelle Insulinanaloga bieten jedoch häufig mehr Flexibilität rund um Mahlzeiten. Zusätzlich verändert sich derzeit der deutsche Markt: Einzelne ältere Humaninsulinpräparate werden bis Ende 2026 beziehungsweise 2027 nicht mehr angeboten. Die DDG betont, dass diese Änderungen nicht wegen neuer Sicherheitsprobleme erfolgen, betroffene Menschen aber rechtzeitig auf geeignete Alternativen umgestellt werden müssen.
Schnell wirkende Insulinanaloga: Mehr Flexibilität rund ums Essen
Zu den heute häufig verwendeten schnellen Insulinanaloga gehören Insulin aspart, Insulin lispro und Insulin glulisin. Sie wurden so verändert, dass sie nach der Injektion schneller aus dem Unterhautfettgewebe ins Blut gelangen als normales Humaninsulin.
Dadurch können sie näher an der Mahlzeit gespritzt werden. Das ist besonders praktisch, wenn Essenszeiten nicht jeden Tag exakt gleich sind oder wenn erst kurz vor dem Essen klar ist, wie viele Kohlenhydrate tatsächlich gegessen werden.
Insulin aspart und Insulin lispro gibt es inzwischen außerdem von verschiedenen Herstellern beziehungsweise als Biosimilar-Präparate. Ein Biosimilar ist keine minderwertige Kopie, sondern ein biologisches Arzneimittel, das dem bereits zugelassenen Referenzinsulin hinsichtlich Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit sehr ähnlich sein muss. Die EMA hat beispielsweise Biosimilars sowohl für Insulin glargin als auch für Insulin lispro und Insulin aspart zugelassen.
Besonders schnell wirkende Mahlzeiteninsuline: Fiasp und Lyumjev
Neben den klassischen schnellen Insulinanaloga gibt es inzwischen besonders schnell aufgenommene Varianten. Fiaspenthält Insulin aspart in einer Formulierung, die besonders rasch aufgenommen wird. Lyumjev enthält Insulin lispro und wurde ebenfalls so formuliert, dass die Wirkung früher einsetzt.
Solche Insuline können besonders interessant sein, wenn der Blutzucker nach Mahlzeiten sehr schnell ansteigt oder ein möglichst kurzer Abstand zwischen Spritzen und Essen gewünscht wird. Die EMA beschreibt Fiasp als direkt vor einer Mahlzeit einsetzbar, in bestimmten Situationen ist eine Anwendung auch kurz nach Beginn der Mahlzeit möglich. Lyumjev ist ebenfalls für eine sehr mahlzeitennahe Anwendung vorgesehen.
„Schneller“ bedeutet allerdings nicht automatisch „für jeden besser“. Eine besonders rasche Wirkung muss zeitlich auch zum Essen passen. Wird Insulin gespritzt und anschließend doch weniger gegessen oder die Mahlzeit verzögert sich, kann eine Unterzuckerung früher auftreten.
Gerade bei Insulin entscheidet deshalb nicht die modernste Bezeichnung über die Qualität der Therapie, sondern wie gut Wirkprofil, Essen und Alltag zusammenpassen.
NPH-Insulin: Das klassische Verzögerungsinsulin
NPH-Insulin ist ein verzögert wirkendes Humaninsulin. Es wurde über viele Jahrzehnte als Basalinsulin eingesetzt und ist weiterhin eine grundsätzlich wirksame Möglichkeit. Es beginnt langsamer zu wirken als Mahlzeiteninsulin und hält deutlich länger an, besitzt jedoch im Gegensatz zu manchen modernen Basalinsulinen einen deutlicheren Wirkungsgipfel.
Gerade nachts kann dieser Wirkungsverlauf bei manchen Menschen Unterzuckerungen begünstigen. Moderne lang wirkende Insulinanaloga haben deshalb in vielen Situationen Vorteile, weil ihre Wirkung gleichmäßiger verläuft. Die ADA berichtet, dass beispielsweise Insulin glargin U100 im Vergleich zu NPH-Insulin weniger nächtliche beziehungsweise ausgeprägte Unterzuckerungen verursachen kann.
Auch beim NPH-Insulin verändert sich derzeit die Verfügbarkeit einzelner Produkte in Deutschland. Das bekannte Präparat Protaphane ist seit 2026 nicht mehr verfügbar. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Wirkprinzip NPH grundsätzlich verschwunden ist; bei notwendigen Umstellungen muss lediglich geprüft werden, welches verfügbare Präparat beziehungsweise welches alternative Basalinsulin am besten passt.
Insulin glargin: Ein häufig verwendetes lang wirkendes Basalinsulin
Insulin glargin gehört zu den wichtigsten lang wirkenden Basalinsulinen. Es wird gewöhnlich einmal täglich gespritzt und soll die Insulingrundversorgung möglichst gleichmäßig über den Tag und die Nacht abdecken.
Es gibt Insulin glargin in unterschiedlichen Konzentrationen. U100 bedeutet 100 Einheiten pro Milliliter. Zu dieser Gruppe gehören verschiedene Original- und Biosimilarprodukte. Insulin glargin U300 enthält dagegen 300 Einheiten pro Milliliter und wirkt besonders lang und gleichmäßig. Ein bekanntes entsprechendes Präparat ist Toujeo. Die EMA führt Insulin glargin U300 weiterhin als zugelassene Diabetesbehandlung.
Wichtig ist dabei: U100 und U300 sind nicht einfach derselbe Pen mit einer anderen Zahl auf der Packung. Die Präparate besitzen unterschiedliche Wirkprofile und werden bei einer Umstellung gezielt neu dosiert. Solche Wechsel sollten deshalb nicht eigenständig vorgenommen werden.
Insulin degludec: Ein besonders lang und gleichmäßig wirkendes Basalinsulin
Insulin degludec gehört zu den sehr lang wirkenden Basalinsulinen. Es besitzt eine besonders lange und gleichmäßige Wirkung und wird normalerweise einmal täglich gegeben. Dadurch kann es bei bestimmten Menschen etwas mehr zeitliche Flexibilität bieten als ältere Basalinsuline.
Insulin degludec ist in verschiedenen Konzentrationen erhältlich, unter anderem mit 100 und 200 Einheiten pro Milliliter. Die höhere Konzentration ist besonders interessant für Menschen, die größere Insulinmengen benötigen, weil dieselbe Zahl an Insulineinheiten mit einem kleineren Flüssigkeitsvolumen gespritzt werden kann. Die EMA führt Insulin degludec weiterhin für Typ-1- und Typ-2-Diabetes sowie für Kinder ab einem Jahr.
Im Vergleich zu Insulin glargin U100 können besonders lang wirkende Basalinsuline wie Degludec und Glargin U300 das Risiko nächtlicher Unterzuckerungen bei bestimmten Menschen weiter reduzieren.
Insulin detemir: Warum Sie diesen Namen möglicherweise noch kennen
Insulin detemir, bekannt unter dem früher häufig verwendeten Präparatenamen Levemir, war über viele Jahre ein wichtiges Basalinsulin. In Deutschland ist dieses Präparat jedoch 2026 nicht mehr regulär verfügbar. Menschen, die damit behandelt wurden, mussten deshalb auf andere Basalinsuline umgestellt werden. Die DDG hat diese Veränderung ausdrücklich begleitet und weist darauf hin, dass bei einem Wechsel eine sorgfältige Glukosekontrolle und gegebenenfalls eine Anpassung der Insulindosis notwendig sind.
Deshalb führe ich Detemir hier nicht als aktuell bevorzugte Insulinoption auf, sondern weil viele Menschen mit Diabetes den Namen noch von ihrer bisherigen Behandlung kennen.
Insulin icodec: Basalinsulin nur einmal pro Woche
Eine der interessantesten neueren Entwicklungen ist Insulin icodec. Dieses Basalinsulin wurde so entwickelt, dass eine einzige Injektion den Grundbedarf über eine ganze Woche abdecken kann. In der Europäischen Union ist es unter dem Namen Awiqli seit 2024 für Erwachsene mit Diabetes zugelassen.
Bei Typ-2-Diabetes kann das für ausgewählte Menschen eine erhebliche Vereinfachung bedeuten, weil statt einer täglichen Basalinjektion nur noch ein fester Wochentag benötigt wird. Bei Typ-1-Diabetes muss selbstverständlich weiterhin zu den Mahlzeiten schnell wirkendes Insulin gegeben werden, weil ein wöchentliches Basalinsulin nur den Grundbedarf ersetzt.
Gerade beim Typ-1-Diabetes wird allerdings besonders sorgfältig abgewogen, denn in den Zulassungsstudien traten unter Insulin icodec mehr Unterzuckerungen auf als unter täglich verwendetem Basalinsulin. Die EMA empfiehlt deshalb, Menschen mit Typ-1-Diabetes nur dann auf das Wocheninsulin einzustellen, wenn daraus ein klarer Vorteil zu erwarten ist.
Ein wöchentliches Insulin erfordert außerdem besondere Aufmerksamkeit bei der Dosierung. Die Zahl der einmal wöchentlich verabreichten Einheiten ist naturgemäß deutlich größer als die tägliche Basaldosis. Deshalb darf eine Wocheninsulindosis niemals mit einer täglichen Insulindosis verwechselt werden. Genau aus diesem Grund gehören eine gründliche Schulung und ein klarer Behandlungsplan zwingend dazu.
Merkkasten: Einmal wöchentliches Insulin klingt zunächst einfacher, ist aber kein Insulin, das man selbstständig gegen sein tägliches Basalinsulin austauschen kann. Die Umstellung und Dosierung müssen ärztlich geplant und geschult werden.
Welches Basalinsulin ist nun das „beste“?
Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. NPH-Insulin kann bei manchen Menschen völlig ausreichend sein. Insulin glargin U100 ist ein bewährtes tägliches Basalinsulin. Glargin U300 und Degludec besitzen besonders lange und gleichmäßige Wirkprofile und können das Risiko nächtlicher Unterzuckerungen verringern. Insulin icodec bietet erstmals die Möglichkeit einer wöchentlichen Basalversorgung bei Erwachsenen.
Entscheidend ist, welcher Wirkverlauf zu Ihrem Diabetes passt, wie häufig Unterzuckerungen auftreten, wie zuverlässig Sie Medikamente einnehmen können, welche anderen Insuline verwendet werden und wie flexibel Ihr Alltag sein muss.
Ein Wechsel zwischen Basalinsulinen sollte deshalb niemals nur anhand der Frage erfolgen, welches Produkt neuer ist.
Mischinsuline: Zwei Wirkungen in einer Injektion
Bei Mischinsulinen werden ein schneller und ein länger wirkender Insulinanteil in einem Präparat kombiniert. Dadurch kann eine einzige Injektion gleichzeitig einen Teil des Mahlzeitenbedarfes und des längerfristigen Grundbedarfes abdecken.
Ein klassisches Beispiel ist biphasisches Insulin aspart, bei dem ein bestimmter Anteil schnell und ein anderer verzögert wirkt. Auch Mischungen mit Insulin lispro existieren beziehungsweise existierten in verschiedenen Zusammensetzungen. Die EMA führt solche Mischprinzipien beispielsweise für Humalog Mix und Insuman Comb.
Der Vorteil ist ein einfacheres Behandlungsschema mit weniger einzelnen Injektionen. Der Nachteil besteht darin, dass Mahlzeiten und Tagesablauf stärker zu den festgelegten Wirkanteilen passen müssen. Wer jeden Tag zu völlig anderen Zeiten isst oder sehr unterschiedliche Kohlenhydratmengen zu sich nimmt, ist mit einer flexibleren getrennten Basal- und Mahlzeiteninsulintherapie häufig besser bedient.
Mischinsulin kann deshalb besonders bei Menschen sinnvoll sein, die einen sehr regelmäßigen Tagesablauf haben und von einem einfacheren Schema profitieren.
Auch hier verändert sich derzeit der deutsche Markt. Einige ältere Human-Mischinsuline laufen bis Ende 2026 aus, während moderne Mischinsuline weiterhin verfügbar sind.
Insulin degludec plus Insulin aspart: Lang und schnell in derselben Injektion
Eine besondere Form der Kombination ist Insulin degludec plus Insulin aspart. Dabei befinden sich ein sehr lang wirkendes Basalinsulin und ein schnell wirkendes Mahlzeiteninsulin gemeinsam in einem Präparat. Die EMA führt diese Kombination unter dem Namen Ryzodeg.
Das Medikament wird zu einer oder zwei Hauptmahlzeiten eingesetzt. Der schnelle Aspart-Anteil deckt die jeweilige Mahlzeit ab, während Degludec gleichzeitig die langfristige Basalversorgung übernimmt.
Das Prinzip kann ein Insulinschema vereinfachen, ist aber nicht so frei anpassbar wie eine vollständig getrennte Basal-Bolus-Therapie. Bei Typ-1-Diabetes wird deshalb zu anderen Mahlzeiten weiterhin zusätzlich schnelles Insulin benötigt.
Basalinsulin plus GLP-1 in einem Pen: Zwei verschiedene Medikamente gemeinsam
Bei Typ-2-Diabetes gibt es außerdem Präparate, die ein lang wirkendes Basalinsulin direkt mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten kombinieren. Dadurch werden zwei völlig unterschiedliche Wirkprinzipien in einer täglichen Injektion zusammengeführt.
Eine Möglichkeit kombiniert Insulin degludec mit Liraglutid, eine andere Insulin glargin mit Lixisenatid. Die entsprechenden EU-zugelassenen Präparate sind Xultophy und Suliqua.
Der Basalinsulinanteil sorgt für die Grundversorgung, während der GLP-1-Anteil die Insulinantwort nach Mahlzeiten unterstützt, Glukagon bremst und das Sättigungsgefühl beeinflussen kann. Diese Kombinationen sind ausschließlich für bestimmte Menschen mit Typ-2-Diabetes gedacht und ersetzen bei Typ-1-Diabetes keine Basal-Bolus-Therapie.
Sie können besonders interessant sein, wenn ein Basalinsulin allein nicht mehr ausreicht und gleichzeitig die Vorteile einer GLP-1-Therapie genutzt werden sollen, ohne zwei verschiedene tägliche Injektionen durchführen zu müssen.
Insulinpumpe: Warum dort meist schnelles Insulin verwendet wird
Eine Insulinpumpe arbeitet anders als ein klassisches Basal-Bolus-Schema mit zwei verschiedenen Insulinen. In der Pumpe befindet sich normalerweise nur schnell beziehungsweise sehr schnell wirkendes Insulin. Das Gerät gibt rund um die Uhr winzige Mengen davon ab und übernimmt damit die Funktion des Basalinsulins. Für Mahlzeiten wird zusätzlich ein größerer Bolus abgegeben.
Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die Basalversorgung kann im Tagesverlauf sehr genau verändert werden. Braucht jemand beispielsweise morgens mehr und nachts weniger Insulin, lässt sich das entsprechend programmieren beziehungsweise bei modernen Systemen teilweise automatisch steuern.
Moderne AID-Systeme verbinden Insulinpumpe und Glukosesensor miteinander. Ein Algorithmus kann die Insulinabgabe laufend an die gemessenen Glukosewerte anpassen und dadurch viele Korrekturen automatisch übernehmen. Trotzdem muss bei den heute üblichen Hybrid-Systemen eine Mahlzeit meist weiterhin angekündigt beziehungsweise ein Mahlzeitenbolus eingegeben werden.
Besonders schnell wirkende Insuline wie Fiasp oder Lyumjev können je nach Pumpensystem ebenfalls eingesetzt werden. Nicht jedes Insulin ist jedoch für jede Pumpe zugelassen, weshalb die entsprechende Geräte- und Medikamentenzulassung beachtet werden muss.
Was bedeutet U100, U200 oder U300?
Die Zahlen auf einem Insulinpen können zunächst verwirrend wirken. U100 bedeutet, dass ein Milliliter Flüssigkeit 100 Insulineinheiten enthält. Bei U200 sind es 200 und bei U300 entsprechend 300 Einheiten pro Milliliter.
Der Vorteil höher konzentrierter Insuline liegt darin, dass bei derselben Insulinmenge weniger Flüssigkeit unter die Haut gespritzt werden muss. Das kann besonders bei Menschen hilfreich sein, die größere Dosen benötigen.
Wichtig ist jedoch: Ein moderner Fertigpen ist so konstruiert, dass Sie die gewünschte Einheitenzahl einstellen. Sie müssen die Konzentration nicht selbst umrechnen. Gerade deshalb sollten konzentrierte Insuline niemals aus einem Pen in eine andere Spritze umgefüllt und eigenständig umgerechnet werden.
Beispiele für höhere Konzentrationen sind Insulin degludec U200, Insulin lispro U200 und Insulin glargin U300.
Warum unterschiedliche Insuline nicht einfach eins zu eins ausgetauscht werden sollten
Zwei Insuline können beide „Basalinsulin“ heißen und trotzdem unterschiedlich lange und unterschiedlich gleichmäßig wirken. Dasselbe gilt für Mahlzeiteninsuline. Ein Wechsel von einem Präparat zum anderen kann deshalb eine neue Dosierung oder einen anderen Spritzzeitpunkt notwendig machen.
Das ist aktuell besonders wichtig, weil mehrere ältere Insulinprodukte in Deutschland vom Markt verschwinden. Das BfArM und die DDG empfehlen bei solchen Umstellungen eine engmaschige Glukosekontrolle, weil sich Wirkung und notwendige Dosis verändern können.
Wenn Ihr bisheriges Insulin nicht mehr erhältlich ist, bedeutet das nicht, dass plötzlich keine geeignete Behandlung mehr existiert. Es gibt zahlreiche Alternativen, der Wechsel sollte lediglich geplant erfolgen.
Unterzuckerungen: Bei welchen Medikamenten sind sie besonders wichtig?
Nicht jedes Diabetesmedikament kann alleine eine gefährliche Unterzuckerung auslösen. Metformin, SGLT2-Hemmer, DPP-4-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten, Tirzepatid, Acarbose und Pioglitazon verursachen allein normalerweise nur selten Hypoglykämien.
Das klassische Unterzuckerungsrisiko besteht vor allem bei Insulin, Sulfonylharnstoffen und Gliniden, weil hier die Insulinwirkung beziehungsweise Insulinmenge direkt erhöht wird. Die aktuellen ADA-Empfehlungen nennen genau diese drei Gruppen als Medikamente, deren Dosis bei einer Therapieerweiterung besonders überprüft werden sollte.
Wird beispielsweise Semaglutid oder Tirzepatid zu einer bestehenden Insulintherapie hinzugefügt und Sie essen durch die stärkere Sättigung plötzlich deutlich kleinere Portionen, kann die bisherige Insulindosis zu hoch werden. Deshalb wird die bestehende Behandlung bei jeder größeren Therapieänderung mit überprüft.
Warum Insulin bei Typ-2-Diabetes kein Zeichen des Scheiterns ist
Insulin wird von manchen Menschen immer noch als „letzte Stufe“ einer Diabetesbehandlung empfunden. Sie denken vielleicht: „Jetzt habe ich es mit den Tabletten nicht geschafft.“ Diese Vorstellung ist falsch und sollte eigentlich längst aus der Diabetesbehandlung verschwunden sein.
Typ-2-Diabetes kann sich über Jahre verändern. Die Bauchspeicheldrüse kann zunehmend weniger Insulin bereitstellen, obwohl Ernährung, Bewegung und Medikamente konsequent umgesetzt werden. Wenn irgendwann nicht mehr genügend körpereigenes Insulin vorhanden ist, wird einfach das ersetzt, was dem Körper fehlt.
Insulin kann außerdem nur vorübergehend notwendig sein, beispielsweise bei sehr hohen Werten zu Beginn eines Typ-2-Diabetes, während einer schweren Infektion, einer größeren Operation oder unter einer hoch dosierten Kortisontherapie. Die ADA betont ausdrücklich, dass Insulin weder als Drohung noch als Zeichen persönlichen Versagens dargestellt werden sollte.
Welches Insulinschema passt zu wem?
Bei Typ-2-Diabetes beginnt eine Insulintherapie häufig zunächst mit einem Basalinsulin, das einmal täglich beziehungsweise beim Wocheninsulin einmal wöchentlich gegeben wird. Andere Medikamente wie Metformin, SGLT2-Hemmer oder GLP-1-basierte Medikamente können je nach Situation weitergeführt werden.
Reicht Basalinsulin allein nicht aus und steigen besonders nach Mahlzeiten die Werte deutlich an, kann zunächst zu einer Hauptmahlzeit ein schnelles Insulin hinzukommen. Später kann daraus eine vollständige Basal-Bolus-Therapie mit Mahlzeiteninsulin zu mehreren Mahlzeiten werden.
Eine andere Möglichkeit ist bei passenden Menschen ein Mischinsulin, eine Degludec-Aspart-Kombination oder eine feste Kombination aus Basalinsulin und GLP-1-Rezeptoragonist.
Die Auswahl hängt deshalb nicht nur vom HbA1c ab, sondern auch davon, wie Ihre Werte über den Tag verlaufen. Ein hoher Nüchternblutzucker braucht möglicherweise eine andere Lösung als gute Nüchternwerte mit starken Anstiegen nach den Mahlzeiten.
Genau hier können Glukosesensoren besonders hilfreich sein, weil sie sichtbar machen, wann die Werte eigentlich entgleisen.
Typ-1-Diabetes: Hier ist Insulin von Beginn an notwendig
Bei Typ-1-Diabetes zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Dadurch entsteht ein echter Insulinmangel. Metformin, SGLT2-Hemmer, DPP-4-Hemmer, Sulfonylharnstoffe oder GLP-1-Medikamente können diesen Mangel nicht ersetzen.
Die Behandlung besteht deshalb normalerweise aus einer Kombination aus Basal- und Mahlzeiteninsulin oder aus einer Insulinpumpe beziehungsweise einem automatisierten Insulinsystem.
Das Basalinsulin sorgt für die Grundversorgung zwischen den Mahlzeiten und während der Nacht, während schnelles Insulin die Kohlenhydrate der Mahlzeiten und notwendige Korrekturen abdeckt. Eine Schulung gehört deshalb genauso zur Behandlung wie das Insulin selbst. Sie lernen dabei unter anderem, Kohlenhydrate einzuschätzen, Korrekturen vorzunehmen, Sport zu berücksichtigen und Unterzuckerungen richtig zu behandeln.
Seit 2026 gibt es mit Teplizumab außerdem eine völlig neue Möglichkeit für ausgewählte Menschen ab acht Jahren, bei denen der autoimmune Typ-1-Diabetes bereits nachweisbar ist, die aber noch keine klassische insulinpflichtige Erkrankungsphase erreicht haben. Das Medikament kann den Übergang in den symptomatischen Typ-1-Diabetes hinauszögern, ersetzt jedoch bei bereits manifestem Typ-1-Diabetes kein Insulin.
Was ist mit weiteren Diabetesmedikamenten, die man im Internet findet?
Wenn Sie amerikanische Internetseiten lesen, begegnen Ihnen möglicherweise noch weitere Medikamente wie Colesevelam oder Bromocriptin in einer speziellen Formulierung. Auch der Wirkstoff Pramlintid wird international als ergänzende Therapie erwähnt.
Diese Medikamente gehören jedoch nicht zu den üblichen Standardtherapien des Typ-2-Diabetes in Deutschland und spielen hier im Vergleich zu Metformin, SGLT2-Hemmern, DPP-4-Hemmern, GLP-1-Rezeptoragonisten, Tirzepatid, Sulfonylharnstoffen, Gliniden, Acarbose, Pioglitazon und Insulin praktisch eine untergeordnete Rolle.
Deshalb ist es sinnvoller, einen deutschen Patientenartikel auf die Medikamente zu konzentrieren, denen Sie in der tatsächlichen Versorgung begegnen können, anstatt eine möglichst lange internationale Medikamentenliste zusammenzustellen.
Mehrere Medikamente gleichzeitig sind vollkommen normal
Typ-2-Diabetes betrifft nicht nur einen einzigen Vorgang. Die Leber kann zu viel Glukose freisetzen, Muskel- und Fettzellen reagieren schlechter auf Insulin, die Bauchspeicheldrüse verliert nach und nach einen Teil ihrer Insulinreserve und gleichzeitig können Gewicht, Nieren und Herz eine Rolle spielen.
Deshalb ist es logisch, verschiedene Wirkmechanismen miteinander zu kombinieren. Ein Mensch kann beispielsweise Metformin und einen SGLT2-Hemmer erhalten und später zusätzlich einen GLP-1-Rezeptoragonisten. Ein anderer benötigt Metformin, SGLT2-Hemmer und irgendwann Basalinsulin.
Mehrere Medikamente bedeuten deshalb nicht, dass Ihr Diabetes besonders „schlecht“ ist. Es bedeutet vielmehr, dass unterschiedliche Bereiche der Erkrankung gleichzeitig behandelt werden.
Wenn Herzschwäche besteht, verändert sich die Medikamentenwahl
Bei einer Herzschwäche spielen SGLT2-Hemmer heute eine besonders wichtige Rolle. Sie können das Risiko weiterer Verschlechterungen und Krankenhausbehandlungen reduzieren und werden deshalb teilweise sogar bei Menschen ohne Diabetes wegen ihrer Herzschwäche eingesetzt.
Pioglitazon passt dagegen nicht gut zu einer Herzschwäche, weil es Wassereinlagerungen fördern kann.
Bei Typ-2-Diabetes, Adipositas und einer bestimmten Form der Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion spielen inzwischen auch GLP-1-basierte Therapien beziehungsweise Tirzepatid eine zunehmende Rolle. Die ADA hat diese Entwicklung 2026 ausdrücklich in ihre Therapieempfehlungen aufgenommen.
Bei einer Nierenerkrankung wird ebenfalls anders behandelt
Eine chronische Nierenerkrankung gehört zu den wichtigsten Gründen, die Medikamentenwahl früh anzupassen. SGLT2-Hemmer besitzen hier einen besonderen Stellenwert, weil sie bei geeigneten Menschen das Fortschreiten der Nierenerkrankung verlangsamen können.
Metformin kann nur verwendet werden, solange die Nierenfunktion ausreichend ist. Einige DPP-4-Hemmer müssen an die Nierenfunktion angepasst werden. Insulin wirkt bei einer stark eingeschränkten Nierenfunktion häufig länger, weil es langsamer abgebaut wird, wodurch das Unterzuckerungsrisiko steigen kann.
Eine Verschlechterung der Nierenwerte bedeutet deshalb nicht automatisch, dass plötzlich „mehr Diabetesmedikamente“ benötigt werden. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall und Dosen müssen reduziert werden.
Wenn das Gewicht ein wichtiges Therapieziel ist
Die verschiedenen Diabetesmedikamente unterscheiden sich deutlich in ihrer Wirkung auf das Körpergewicht. Besonders starke Gewichtsabnahmen können bei geeigneten Menschen mit Tirzepatid und Semaglutid erreicht werden. Andere GLP-1-Rezeptoragonisten führen ebenfalls häufig zu einer Reduktion.
SGLT2-Hemmer führen meist zu einer kleineren Gewichtsabnahme. Metformin ist überwiegend gewichtsneutral beziehungsweise kann eine leichte Reduktion unterstützen, während DPP-4-Hemmer weitgehend gewichtsneutral bleiben.
Sulfonylharnstoffe, Glinide, Pioglitazon und Insulin können dagegen eine Gewichtszunahme begünstigen. Das macht diese Medikamente nicht automatisch schlecht. Ein Mensch mit echtem Insulinmangel braucht Insulin unabhängig davon, ob das Körpergewicht dadurch möglicherweise etwas steigt.
Umgekehrt ist Gewichtsverlust nicht für jeden Menschen ein Vorteil. Ein älterer, sehr schlanker Mensch mit wenig Muskelmasse braucht möglicherweise gerade kein Medikament, das den Appetit zusätzlich stark reduziert.
Bei Kinderwunsch und Schwangerschaft muss die Behandlung rechtzeitig überprüft werden
Eine Schwangerschaft verändert die Auswahl der Diabetesmedikamente erheblich. Deshalb sollte die Therapie möglichst bereits bei Kinderwunsch gemeinsam mit dem Diabetes-Team überprüft werden.
Bei Typ-1-Diabetes bleibt Insulin selbstverständlich notwendig. Bei bestehendem Typ-2-Diabetes wird geprüft, welche Medikamente bereits vor einer Schwangerschaft beendet und gegebenenfalls durch Insulin ersetzt werden sollten.
SGLT2-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid gehören nicht zur normalen Behandlung während einer Schwangerschaft. Beim Schwangerschaftsdiabetes wird zunächst mit Ernährung, Bewegung und Glukosekontrollen gearbeitet; werden die Zielwerte damit nicht erreicht, spielt Insulin in Deutschland die zentrale Rolle.
Was bedeutet ein Sick-Day-Plan?
Ein Medikament, das im Alltag sicher ist, kann während einer schweren akuten Erkrankung plötzlich anders beurteilt werden. Starkes Erbrechen, Durchfall, Flüssigkeitsmangel, längeres Fasten, Fieber oder eine größere Operation können den gesamten Stoffwechsel verändern.
Metformin muss bei ausgeprägtem Flüssigkeitsmangel oder bestimmten schweren Erkrankungen möglicherweise vorübergehend pausiert werden. SGLT2-Hemmer werden ebenfalls bei schweren Erkrankungen und vor größeren geplanten Operationen ausgesetzt, vor allem wegen des Ketoazidoserisikos.
Bei Typ-1-Diabetes gilt dagegen eine besonders wichtige Regel: Basalinsulin darf niemals einfach vollständig weggelassen werden, nur weil Sie gerade nichts essen. Der Körper braucht weiterhin Insulin, und bei Krankheit kann der Bedarf sogar steigen.
Lassen Sie sich deshalb einen persönlichen Plan geben, bevor Sie ihn brauchen. Darin sollte stehen, welche Medikamente bei Erbrechen oder Durchfall pausiert werden, wann häufiger Glukose gemessen wird, wann Ketone kontrolliert werden und wann ärztliche Hilfe notwendig ist.
Merkkasten: Ein guter Diabetesplan erklärt nicht nur, was Sie an einem normalen Dienstag einnehmen sollen. Er erklärt auch, was Sie bei Krankheit, Operation, Fasten oder starkem Flüssigkeitsverlust tun müssen.
Diabetesmedikamente müssen nicht automatisch ein Leben lang unverändert bleiben
Eine Diabetesbehandlung sollte regelmäßig überprüft werden. Vielleicht verlieren Sie deutlich Gewicht und benötigen anschließend weniger Medikamente. Vielleicht verschlechtert sich Ihre Nierenfunktion und eine Dosis muss angepasst werden. Vielleicht treten im höheren Alter häufiger Unterzuckerungen auf und eine einfachere Behandlung wäre sicherer.
Umgekehrt kann eine Therapie, die jahrelang sehr gut funktioniert hat, irgendwann nicht mehr ausreichen, weil Typ-2-Diabetes sich weiterentwickelt und die eigene Insulinproduktion abnimmt.
Beides ist normal.
Das Ziel lautet deshalb nicht, möglichst wenige Tabletten einzunehmen und ebenso wenig, einen besonders niedrigen HbA1c mit möglichst vielen Medikamenten zu erzwingen. Die passende Therapie soll ausreichend wirksam, möglichst sicher und im Alltag dauerhaft umsetzbar sein.
Ein regelmäßiger Medikamentencheck lohnt sich
Gerade wenn im Laufe der Jahre mehrere Medikamente hinzukommen, lohnt sich ein gemeinsamer Blick auf die gesamte Liste. Passt die Dosierung weiterhin zur Nierenfunktion? Gibt es inzwischen häufiger Unterzuckerungen? Hat sich Ihr Gewicht stark verändert? Werden Medikamente miteinander kombiniert, die keinen zusätzlichen Nutzen mehr bringen? Könnte eine Fixkombination die Einnahme einfacher machen? Wird ein Sulfonylharnstoff noch benötigt, obwohl inzwischen Insulin und eine GLP-1-basierte Therapie eingesetzt werden?
Solche Überprüfungen sind keine Kritik an der bisherigen Behandlung. Sie gehören zu einer guten langfristigen Diabetesversorgung.
Dasselbe gilt bei Insulin. Passt das bisherige Basalinsulin noch? Gibt es nachts häufig niedrige Werte? Steigen die Werte ausschließlich nach dem Essen? Wäre ein anderes Wirkprofil leichter in den Alltag integrierbar? Hat sich durch die aktuellen Marktveränderungen die Verfügbarkeit des bisherigen Präparates geändert?
Gerade 2026 ist diese Frage für manche insulinbehandelte Menschen besonders aktuell, weil mehrere ältere Insulinprodukte in Deutschland aus dem Markt genommen wurden beziehungsweise bis Ende 2026 auslaufen.
Fazit: Das passende Diabetesmedikament richtet sich nach Ihrem gesamten Körper – und Insulin ist viel vielfältiger, als es auf den ersten Blick wirkt
Die Behandlung des Diabetes besteht heute aus wesentlich mehr Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Bei Prädiabetes stehen zunächst Bewegung, Ernährung, Schlaf und ein gesundheitsförderliches Gewichtsmanagement im Vordergrund. Metformin kann bei Menschen mit besonders hohem Risiko zusätzlich sinnvoll sein.
Bei Typ-2-Diabetes bleibt Metformin für viele Menschen eine wichtige Grundlage. SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin und Dapagliflozin sind besonders interessant, wenn gleichzeitig Herz oder Nieren geschützt werden sollen. GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid oder Dulaglutid können Blutzucker und Gewicht gleichzeitig beeinflussen. Tirzepatid nutzt zwei Darmhormon-Systeme und kann ebenfalls besonders starke Wirkungen auf Blutzucker und Körpergewicht erreichen. DPP-4-Hemmer bieten eine eher sanfte, meist gut verträgliche Therapie mit geringem Unterzuckerungsrisiko. Sulfonylharnstoffe und Glinide wirken zuverlässig, besitzen aber ein höheres Risiko für Unterzuckerungen und Gewichtszunahme. Acarbose und Pioglitazon stehen weiterhin zur Verfügung, werden heute aber gezielter eingesetzt. Diese Wirkstoffgruppen entsprechen auch der aktuellen Einordnung der ADA 2026 und der aktuellen DDG-Praxisempfehlungen.
Insulin ist dagegen eine eigene Welt innerhalb der Diabetesbehandlung. Kurzwirksames Humaninsulin ist der klassische Mahlzeitenbegleiter und benötigt in der Regel mehr zeitlichen Abstand zum Essen. Schnelle Insulinanalogawie Aspart, Lispro oder Glulisin wirken früher und lassen sich näher an Mahlzeiten einsetzen. Besonders schnelle Varianten wie Fiasp und Lyumjev wurden entwickelt, um den natürlichen Insulinanstieg nach einer Mahlzeit noch besser nachzubilden.
Für den Grundbedarf gibt es NPH-Insulin, tägliche lang wirkende Insuline wie Insulin glargin sowie besonders lang wirkendes Insulin degludec. Insulin glargin gibt es unter anderem als U100 und als länger und gleichmäßiger wirkendes U300-Präparat. Degludec steht ebenfalls in unterschiedlichen Konzentrationen zur Verfügung. Das früher verbreitete Insulin detemir ist dagegen 2026 in Deutschland nicht mehr regulär verfügbar.
Mit Insulin icodec gibt es inzwischen sogar ein Basalinsulin, das bei Erwachsenen nur einmal pro Woche gespritzt wird. Bei Typ-2-Diabetes kann dies für ausgewählte Menschen eine deutliche Vereinfachung darstellen. Bei Typ-1-Diabetes muss weiterhin Mahlzeiteninsulin verwendet werden und wegen des höheren Unterzuckerungsrisikos wird besonders sorgfältig entschieden, für wen eine wöchentliche Basaltherapie wirklich geeignet ist.
Daneben gibt es Mischinsuline, die einen schnellen und einen länger wirkenden Anteil verbinden, die Kombination aus Insulin degludec und Insulin aspart sowie feste Kombinationen aus Basalinsulin und einem GLP-1-Rezeptoragonisten, beispielsweise Insulin degludec plus Liraglutid oder Insulin glargin plus Lixisenatid. Solche Präparate können ein umfangreicheres Behandlungsschema bei bestimmten Menschen mit Typ-2-Diabetes vereinfachen.
Bei Typ-1-Diabetes bleibt Insulin lebensnotwendig und wird als Basal-Bolus-Therapie oder über eine Insulinpumpe beziehungsweise ein automatisiertes Insulinsystem gegeben. Bei Typ-2-Diabetes ist Insulin dagegen keineswegs automatisch die „letzte Stufe“. Es kann früh, spät, vorübergehend oder dauerhaft notwendig sein, je nachdem, wie viel eigenes Insulin noch vorhanden ist und welche gesundheitliche Situation besteht.
Vielleicht nehmen Sie bereits mehrere Diabetesmedikamente und kennen die Namen, wissen aber gar nicht genau, warum gerade diese Kombination gewählt wurde. Dann lohnt sich beim nächsten Termin eine sehr einfache Frage:
„Welche Aufgabe erfüllt jedes meiner Diabetesmedikamente bei mir persönlich?“
Vielleicht senkt eines hauptsächlich Ihren Blutzucker, ein anderes schützt Ihre Nieren, ein weiteres unterstützt Ihr Herz und das Basalinsulin verhindert, dass Ihre Werte über Nacht und zwischen den Mahlzeiten ansteigen.
Wer diese Aufgaben kennt, versteht die eigene Behandlung wesentlich besser.
Und genau darum sollte es bei einer modernen Diabetesbehandlung gehen: nicht möglichst viele oder möglichst wenige Medikamente einzunehmen, sondern die richtigen Medikamente und das passende Insulin für den richtigen Menschen zur richtigen Zeit zu finden.
Quellen und aktuelle medizinische Informationen
Deutsche Diabetes Gesellschaft – Praxisempfehlungen 2026: Aktuelle deutsche Empfehlungen zu Typ-1- und Typ-2-Diabetes, Prädiabetes, Ernährung, Kombinationstherapien und Insulinbehandlung.
American Diabetes Association – Standards of Care in Diabetes 2026: Aktuelle Empfehlungen zu Metformin, SGLT2-Hemmern, GLP-1-Rezeptoragonisten, Tirzepatid, DPP-4-Hemmern, Sulfonylharnstoffen, Gliniden, Acarbose, Pioglitazon und den verschiedenen Insulintherapien.
European Medicines Agency: Aktuelle europäische Zulassungsinformationen zu Insulin icodec, Insulin degludec, Insulin glargin, schnellen Insulinanaloga, besonders schnellen Mahlzeiteninsulinen sowie verschiedenen Insulinkombinationen.
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und Deutsche Diabetes Gesellschaft: Aktuelle Informationen zur veränderten Verfügbarkeit verschiedener älterer Insulinpräparate in Deutschland und zur notwendigen ärztlich begleiteten Umstellung.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine persönliche ärztliche oder diabetologische Beratung. Welche Medikamente und welche Insulinart für Sie geeignet sind, hängt unter anderem von Ihrer Diabetesform, Ihren Glukosewerten, Ihrer Nierenfunktion, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Ihrem Körpergewicht, Ihrem Lebensalter, Ihren Essgewohnheiten, einer möglichen Schwangerschaft und weiteren Medikamenten ab.
Beginnen, beenden oder verändern Sie Diabetesmedikamente und Insulindosen nicht aufgrund eines Artikels selbstständig. Wechsel zwischen verschiedenen Insulinarten oder unterschiedlichen Konzentrationen gehören ärztlich beziehungsweise diabetologisch begleitet, da Wirkverlauf und benötigte Dosis nicht bei jedem Präparat identisch sind.
Besonders bei Insulin, Sulfonylharnstoffen und Gliniden besteht ein Risiko für Unterzuckerungen. Bei stark erhöhten Glukosewerten zusammen mit starkem Durst, häufigem Wasserlassen, deutlicher Schwäche, ungewolltem Gewichtsverlust, wiederholtem Erbrechen oder auffällig tiefer und schneller Atmung sollte eine rasche medizinische Abklärung erfolgen.
Bildquelle
Bildquelle: Jennifer Orth Gesundheitsblog, KI-generiert
Stand
September 2026

