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Mehr als ein Spiegelbild: Wie ein anderer Blick auf den eigenen Körper den Selbstwert verändern kann
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Mehr als ein Spiegelbild: Wie ein anderer Blick auf den eigenen Körper den Selbstwert verändern kann

Wann haben Sie Ihren Körper zuletzt angesehen, ohne ihn sofort zu beurteilen? Nicht mit dem prüfenden Blick auf Bauch, Beine, Haut oder Haare, sondern einfach als den Körper, in dem Sie leben. Diese Frage klingt zunächst beinahe banal, doch für viele Menschen ist sie erstaunlich schwer zu beantworten. Der Blick in den Spiegel ist längst nicht mehr nur ein Blick. Er gleicht manchmal einer kleinen täglichen Qualitätskontrolle: Sitzt die Kleidung noch so wie früher? Ist da eine neue Falte? Wirkt das Gesicht müde? Könnten die Arme straffer, der Bauch flacher oder die Beine schlanker sein?

Das Merkwürdige daran ist, dass der Spiegel für diese große Aufgabe ausgesprochen schlecht ausgestattet ist. Er kann weder Ihre Herzlichkeit noch Ihre Lebenserfahrung zeigen, weder Ihren Humor noch Ihre Geduld, weder Ihre Fähigkeiten noch all die Situationen, in denen Sie für andere Menschen da waren oder schwierige Zeiten überstanden haben. Trotzdem bekommt das Äußere manchmal erstaunlich viel Einfluss darauf, wie wir uns selbst bewerten.

Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl: An einem Tag gefällt Ihnen Ihr Spiegelbild und die Welt scheint völlig in Ordnung zu sein. Am nächsten Morgen sitzt die Hose anders, das Licht im Badezimmer ist wenig schmeichelhaft oder ein Foto zeigt Sie aus einer Perspektive, die Sie nicht mögen, und plötzlich verändert sich auch Ihre Stimmung. Aus „Das Foto gefällt mir nicht“ wird innerlich schnell „Ich gefalle mir nicht“. Aus „Ich habe zugenommen“ kann „Ich habe mich gehen lassen“ werden. Und irgendwann beurteilen wir nicht mehr einen Körper, sondern die ganze Person, die darin lebt.

Genau an dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn selbstverständlich dürfen Sie schön aussehen wollen. Sie dürfen Ihre Haare färben, Make-up tragen, trainieren, Gewicht verlieren oder zunehmen, Ihre Haut pflegen, Ihren Kleidungsstil verändern und sich darüber freuen, wenn Sie sich attraktiv fühlen. Ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper verlangt keineswegs, dass Aussehen plötzlich völlig unwichtig wird. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie viel Macht das Aussehen über Ihren persönlichen Wert bekommt.

Vielleicht muss ein anderer Blick auf den eigenen Körper deshalb gar nicht mit großer Selbstliebe beginnen. Vielleicht reicht zunächst die Erkenntnis, dass ein Körper ein wichtiger Teil unseres Lebens ist, aber niemals dessen vollständige Bewertung.

Wer hat eigentlich entschieden, wie Ihr Körper aussehen sollte?

Wir entwickeln unsere Vorstellung von Schönheit nicht im luftleeren Raum. Schon lange bevor wir bewusst darüber nachdenken, lernen wir, welche Körper angeblich begehrenswert sind, welche Kleidung bestimmten Figuren „steht“ und welche Veränderungen möglichst verhindert oder kaschiert werden sollen. Werbung, Filme, soziale Medien und Mode spielen dabei eine Rolle, ebenso Kommentare innerhalb der Familie, Erfahrungen in der Schule, Partnerschaften oder beiläufige Bemerkungen anderer Menschen.

Manchmal genügt ein einziger Satz, damit eine Unsicherheit erstaunlich lange bleibt. Vielleicht sagte jemand während Ihrer Jugend, Sie hätten kräftige Beine. Vielleicht fiel irgendwann die Bemerkung, Sie wären besonders hübsch, wenn Sie ein paar Kilogramm abnehmen würden. Vielleicht wurde in Ihrer Familie ständig über Gewicht gesprochen, über „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel oder darüber, welche Frau sich in welchem Alter noch wie kleiden dürfe. Solche Aussagen können sich im Gedächtnis einnisten und Jahre später wie die eigene Überzeugung klingen.

Deshalb ist eine der interessantesten Fragen überhaupt: Welche Ihrer Gedanken über Ihren Körper stammen tatsächlich von Ihnen?

Warum sollte ein Bauch grundsätzlich flach sein? Wann wurde festgelegt, wie groß oder klein eine Brust sein darf, wie straff ein Oberarm aussehen muss oder ab welchem Alter graue Haare versteckt werden sollten? Warum soll eine Frau nach einer Schwangerschaft möglichst schnell wieder so aussehen, als hätte diese Schwangerschaft nie stattgefunden? Und warum gilt sichtbares Älterwerden so häufig als etwas, das bekämpft werden müsse?

Nicht jeder Maßstab, den wir irgendwann übernommen haben, verdient es, lebenslang unser eigener zu bleiben.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, manche alten Überzeugungen gedanklich aus dem Schrank zu holen und genauer anzusehen. Woher kommt dieser Satz? Wem gehörte er ursprünglich? Würden Sie ihn heute selbst einem Menschen sagen, den Sie gernhaben? Und möchten Sie wirklich weiterhin nach ihm leben?

Allein diese Fragen können etwas verändern. Nicht unbedingt den Körper, aber den Blick darauf.

Wenn aus „Ich mag meinen Bauch nicht“ plötzlich „Mit mir stimmt etwas nicht“ wird

Es ist ein großer Unterschied, ob Sie ein bestimmtes Körpermerkmal nicht mögen oder ob dieses Merkmal beginnt, Ihren gesamten Selbstwert zu beeinflussen. Der erste Gedanke kann völlig normal sein. Kaum jemand steht jeden Morgen begeistert vor dem Spiegel und applaudiert jedem einzelnen Körperteil. Schwieriger wird es, wenn aus einem äußeren Merkmal eine innere Bewertung entsteht.

Dann bedeutet eine Gewichtszunahme nicht mehr einfach, dass sich das Gewicht verändert hat, sondern wird als persönliches Versagen empfunden. Eine neue Falte ist nicht nur ein sichtbares Zeichen des Älterwerdens, sondern scheinbar ein Hinweis darauf, weniger attraktiv oder weniger begehrenswert zu sein. Eine Kleidergröße wird nicht mehr als Größenangabe verstanden, sondern beinahe wie eine Schulnote.

Dabei kann eine Zahl auf einem Etikett erstaunlich wenig darüber erzählen, wer Sie sind.

Sie sagt nichts darüber aus, ob Sie zuverlässig sind. Sie kennt weder Ihre Intelligenz noch Ihren Humor. Sie weiß nichts über Ihre Beziehungen, Ihre Fürsorge, Ihre Kreativität oder die Dinge, die Sie im Leben geschafft haben. Eine Konfektionsgröße ist hervorragend geeignet, um Kleidung zu sortieren. Als Messinstrument für menschlichen Wert ist sie dagegen ausgesprochen untalentiert.

Gerade deshalb kann es hilfreich sein, den eigenen Selbstwert auf mehrere Säulen zu stellen. Was macht Sie außerhalb Ihres Aussehens aus? Welche Fähigkeiten besitzen Sie? Welche Eigenschaften schätzen andere Menschen an Ihnen? Was können Sie gut? Was haben Sie in den vergangenen Jahren gelernt? Worauf sind Sie stolz, auch wenn niemand dafür ein Kompliment über Ihr Aussehen gemacht hat?

Je breiter die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ wird, desto weniger Verantwortung muss der Körper allein tragen.

Das kleine Wort „wenn“ und das Leben, das angeblich später beginnen soll

Viele Menschen kennen eine innere Liste von Bedingungen, die erfüllt sein sollen, bevor sie sich wirklich wohlfühlen dürfen. Wenn ich abgenommen habe, kaufe ich mir schöne Kleidung. Wenn mein Bauch flacher ist, gehe ich wieder schwimmen. Wenn ich fitter bin, lasse ich mich fotografieren. Wenn ich mich attraktiver fühle, wage ich vielleicht eine neue Beziehung. Wenn ich endlich meinen Wunschkörper habe, werde ich selbstbewusster.

Dieses kleine Wort „wenn“ wirkt harmlos, kann aber erstaunlich viel Gegenwart verschlucken.

Denn was geschieht, wenn das Ziel erreicht wird? Nicht selten erscheint bereits das nächste. Die fünf Kilogramm sind verschwunden, aber nun könnten die Oberarme straffer sein. Die Haut sieht besser aus, dafür stören plötzlich die Falten um die Augen. Der vermeintlich perfekte Körper besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, seine Adresse zu ändern, sobald wir ihm näherkommen.

Vielleicht kennen Sie auch den rückwärtsgewandten Effekt: Sie betrachten ein Foto von sich, das zehn oder zwanzig Jahre alt ist, und denken, wie gut Sie damals eigentlich aussahen. Gleichzeitig erinnern Sie sich vielleicht daran, dass Sie sich zu jener Zeit keineswegs besonders attraktiv fanden. Auch damals gab es etwas auszusetzen.

Das wirft eine spannende Frage auf: Was wird Ihr zukünftiges Ich möglicherweise über den Körper denken, den Sie heute so kritisch betrachten?

Vielleicht werden Sie eines Tages ein Foto von heute sehen und sich fragen, weshalb Sie damals so streng mit sich waren. Vielleicht werden Sie erkennen, dass Sie viel zu beschäftigt damit waren, vermeintliche Fehler zu suchen, um zu bemerken, wie lebendig Sie aussahen.

Der TEDx-Vortrag von Bridgette Ugarte trägt den treffenden Titel „Reshape your mind, not your body“, sinngemäß: Verändern Sie Ihren Blick, nicht automatisch Ihren Körper. Dieser Gedanke bedeutet nicht, dass körperliche Veränderungen falsch oder unnötig wären. Er lädt vielmehr dazu ein, eine unangenehme Möglichkeit zu prüfen: Was, wenn nicht jeder Körper verändert werden muss, nur weil unser Blick auf ihn besonders streng geworden ist?

Ein Körper verändert sich, weil ein Leben stattfindet

Der menschliche Körper ist kein fertiges Ausstellungsstück. Er verändert sich vom ersten bis zum letzten Lebenstag. Pubertät, Schwangerschaften, hormonelle Veränderungen, Erkrankungen, Medikamente, Stress, Bewegung, Ernährung, Schlaf und Alter hinterlassen Spuren. Manche Veränderungen gefallen uns, andere weniger. Trotzdem sind sie nicht automatisch Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist.

Besonders deutlich kann sich das nach einer Schwangerschaft zeigen. Viele Frauen wünschen sich ihren früheren Körper zurück und verbinden damit vielleicht einen flacheren Bauch, ein anderes Brustbild oder eine frühere Kleidergröße. Dieser Wunsch ist weder lächerlich noch oberflächlich. Es darf schwierig sein, sich an einen veränderten Körper zu gewöhnen.

Doch manchmal lohnt es sich, genauer hinzuhören, was mit dem Wunsch nach dem „alten Körper“ eigentlich gemeint ist. Vielleicht fehlt nicht nur eine frühere Figur, sondern eine frühere Lebensphase. Mehr Schlaf, mehr Freiheit, weniger Verantwortung, mehr Zeit für sich selbst oder das Gefühl, stärker mit der eigenen Weiblichkeit verbunden zu sein. All das lässt sich nicht zwangsläufig durch eine kleinere Kleidergröße zurückholen.

Dann könnte aus der Frage „Wie bekomme ich meinen alten Körper zurück?“ langsam eine andere werden: Wie kann ich mich in meinem heutigen Körper wieder zu Hause fühlen?

Das Gleiche gilt nach Erkrankungen, Operationen, hormonellen Veränderungen oder deutlicher Gewichtszu- oder -abnahme. Ein Körper kann anders aussehen als früher und sich deshalb zunächst fremd anfühlen. Er ist damit jedoch nicht automatisch schlechter geworden.

Wir verlangen von unserem Körper erstaunlich viel: Er soll uns durch Jahrzehnte tragen, Krankheiten bewältigen, heilen, funktionieren, vielleicht Kinder bekommen, Schlafmangel überstehen und den täglichen Anforderungen standhalten. Gleichzeitig wünschen wir uns gelegentlich, all das möge bitte möglichst ohne sichtbare Spuren geschehen.

Eine recht ehrgeizige Stellenbeschreibung.

Wie würden Sie mit einer Freundin sprechen?

Der Umgang mit dem eigenen Körper zeigt sich besonders deutlich in der Sprache, die wir innerlich verwenden. Viele Menschen sagen Dinge zu sich selbst, die sie niemals zu einem anderen Menschen sagen würden.

Stellen Sie sich vor, eine Freundin erzählt Ihnen, dass sie zugenommen hat und sich deshalb unwohl fühlt. Würden Sie antworten: „Ja, das sieht wirklich schlimm aus. So solltest du dich besser nicht zeigen“? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich würden Sie versuchen, ihr etwas von dem Druck zu nehmen. Vielleicht würden Sie daran erinnern, dass Gewicht nicht ihren Wert bestimmt, oder ihr raten, etwas zu tragen, in dem sie sich momentan wohlfühlt.

Warum gilt diese Freundlichkeit so häufig nur für andere?

Die Psychologin Kristin Neff beschreibt Selbstmitgefühl mit einem sehr einfachen Gedanken:

„With self-compassion, we give ourselves the same kindness and care we’d give to a good friend.“

Sinngemäß bedeutet das: Mit Selbstmitgefühl begegnen wir uns mit derselben Freundlichkeit und Fürsorge, die wir einem guten Freund entgegenbringen würden.

Das klingt zunächst selbstverständlich. In der Praxis kann es erstaunlich ungewohnt sein.

Beim nächsten kritischen Blick in den Spiegel könnten Sie deshalb versuchen, nicht sofort in ein unrealistisches Gegenextrem zu springen. Aus „Mein Bauch ist schrecklich“ muss nicht plötzlich „Mein Bauch ist wunderschön“ werden, wenn sich das für Sie völlig unglaubwürdig anfühlt. Schon eine neutralere Formulierung verändert den Ton: „Mein Bauch sieht anders aus, als ich ihn gerne hätte, aber deshalb muss ich mich nicht abwerten.“

Auch „Ich sehe furchtbar alt aus“ lässt sich übersetzen in: „Ich sehe heute deutlicher, dass ich älter geworden bin.“ Der Sachverhalt bleibt bestehen, aber der persönliche Angriff verschwindet.

Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied. Freundlichkeit mit sich selbst bedeutet nicht, sich etwas einzureden. Sie bedeutet, nicht aus jeder Unzufriedenheit eine Anklage gegen die eigene Person zu machen.

Soziale Medien und der Wettbewerb, zu dem Sie sich nie angemeldet haben

Noch nie war es so einfach, sich innerhalb weniger Minuten mit Hunderten anderer Menschen zu vergleichen. Beim morgendlichen Kaffee begegnen uns perfekte Haut, durchtrainierte Körper, aufgeräumte Wohnungen, exotische Urlaubsorte, makellose Outfits und Frühstücksschalen, neben denen das eigene Marmeladenbrot plötzlich beinahe eine Sinnkrise bekommt.

Dabei vergessen wir schnell, was genau miteinander verglichen wird.

Auf der einen Seite steht der eigene Alltag. Vielleicht wenig Schlaf, ungünstiges Badezimmerlicht und ein Tag, an dem schlicht nicht alles perfekt sitzt. Auf der anderen Seite sehen wir ein ausgewähltes Foto, möglicherweise nach mehreren Versuchen aufgenommen, mit günstiger Beleuchtung, gewählter Perspektive, Make-up, Filter oder Bearbeitung.

Unser Gehirn behandelt diese beiden Bilder trotzdem gerne so, als träten sie unter identischen Bedingungen gegeneinander an.

Deshalb ist eine einfache Frage manchmal hilfreicher als jede theoretische Diskussion über soziale Medien: Wie fühlen Sie sich nach dem Anschauen bestimmter Inhalte?

Sind Sie inspiriert, gut gelaunt oder neugierig? Dann erfüllen diese Inhalte vielleicht genau ihren Zweck. Stellen Sie anschließend jedoch regelmäßig Ihren eigenen Körper infrage, betrachten kritischer Ihre Haut oder beginnen, sich plötzlich zu klein, zu groß, zu alt oder zu wenig attraktiv zu fühlen, dürfen Sie reagieren.

Sie dürfen entfolgen. Sie dürfen Konten stummschalten. Sie dürfen entscheiden, welche Bilder täglich in Ihrem Kopf auftauchen.

Emily und Amelia Nagoski formulieren in einem Beitrag für TED Ideas den Gedanken, dass wir den Wert unseres Körpers nach unseren eigenen Maßstäben bestimmen und auch neu bestimmen dürfen. Genau darin steckt eine wichtige Frage: Nach wessen Maßstab betrachten Sie sich gerade?

Vielleicht ist es gar nicht Ihr eigener.

Ihr Körper ist kein Vorher-Foto

Vorher-Nachher-Bilder gehören inzwischen fast selbstverständlich zu unserer visuellen Kultur. Vorher untrainiert, nachher muskulös. Vorher Falten, nachher glatter. Vorher angeblich unvorteilhaft, nachher optimiert.

Das Vorher erhält dabei häufig eine seltsame Rolle: Es soll zeigen, was falsch war.

Doch was, wenn Ihr heutiger Körper gar kein „Vorher“ ist?

Was, wenn er kein unfertiger Zustand ist, den Sie zunächst verbessern müssen, bevor Sie vollständig am Leben teilnehmen dürfen?

Natürlich dürfen Ziele motivieren. Es spricht nichts dagegen, fitter werden zu wollen oder gesundheitlich etwas zu verändern. Schwierig wird es erst, wenn das eigentliche Leben hinter diesen Zielen wartet.

Wie viele Dinge haben Sie vielleicht schon aufgeschoben, weil Sie erst anders aussehen wollten? Wann haben Sie zuletzt ein Kleidungsstück nicht gekauft, weil Sie überzeugt waren, es erst nach dem Abnehmen tragen zu dürfen? Haben Sie sich einmal auf einem Foto versteckt oder darauf bestanden, es zu löschen, obwohl darauf ein schöner Moment festgehalten wurde? Haben Sie einen Strandbesuch, ein Schwimmbad oder eine Einladung weniger genossen, weil Sie gedanklich zu beschäftigt mit Ihrem Körper waren?

Vielleicht ist nicht jeder dieser Momente wichtig. Aber zusammengenommen können sie Jahre ergeben.

Leben lässt sich schlecht auf den Zeitpunkt vertagen, an dem der eigene Körper endlich alle Bedingungen erfüllt.

Kleidung sollte Ihrem Körper passen und nicht umgekehrt

Manche Kleidungsstücke entwickeln über die Jahre eine geradezu erstaunliche Autorität. Eine Hose hängt seit langer Zeit im Schrank, passt längst nicht mehr und wirkt trotzdem jedes Mal wie eine Erinnerung daran, dass Ihr Körper früher anders aussah.

Dabei ist es eigentlich ausgesprochen logisch: Wenn ein Schuh zu klein ist, würden Sie kaum zu dem Schluss kommen, mit Ihren Füßen stimme etwas nicht. Sie würden eine andere Größe wählen.

Warum behandeln wir Hosen anders?

Eine Zahl im Etikett ist keine Bewertung. Größen unterscheiden sich ohnehin zwischen Herstellern, Schnitten und Kollektionen. Trotzdem kann das Entfernen zu kleiner Kleidung emotional schwerfallen, weil damit manchmal die Hoffnung verbunden ist, wieder zu einem früheren Körper zurückzukehren.

Vielleicht ist genau deshalb ein voller Kleiderschrank nicht immer freundlich. Wenn Kleidung täglich daran erinnert, wie man angeblich wieder aussehen sollte, wird aus Stoff schnell ein stiller Vorwurf.

Kleidung darf Ihnen jetzt passen. Sie darf bequem sein, Spaß machen, Persönlichkeit zeigen und Ihren heutigen Körper kleiden. Sie muss nicht als textile Zeitmaschine funktionieren.

Ihr Körper kann erstaunlich viel, auch wenn Sie selten darüber nachdenken

Wir verbringen sehr viel Zeit damit, zu beurteilen, wie ein Körper aussieht. Deutlich seltener betrachten wir, was er ermöglicht.

Ihre Beine tragen Sie durch Ihren Alltag. Ihre Hände schreiben, kochen, greifen, streicheln, halten und öffnen an manchen Morgen heldenhaft das erste Glas Marmelade. Ihre Haut spürt Wärme, Kälte und Berührung. Ihre Augen sehen Menschen, Landschaften und Farben. Ihre Ohren hören Musik und Stimmen. Ihr Mund spricht, schmeckt, lacht und küsst. Währenddessen atmet, verdaut, reguliert und repariert Ihr Körper ununterbrochen, meistens ohne irgendeine bewusste Anweisung.

Das bedeutet nicht, dass ein Körper nur dann wertvoll wäre, wenn er möglichst viel leisten kann. Menschen mit Erkrankungen, Schmerzen oder Behinderungen sind selbstverständlich nicht weniger wertvoll. Auch Funktion darf niemals zur neuen Leistungsskala werden.

Der Gedanke ist ein anderer: Ein Körper ist mehr als seine äußere Form.

Vielleicht können Sie Ihren Blick deshalb gelegentlich bewusst verschieben. Statt morgens ausschließlich zu prüfen, wie Ihre Beine aussehen, könnten Sie sich am Abend fragen, wohin sie Sie getragen haben. Statt nur über eine Narbe nachzudenken, könnten Sie sich daran erinnern, was Ihr Körper an dieser Stelle durchgemacht und bewältigt hat.

Nicht jedes Körpermerkmal muss plötzlich schön werden. Aber manches erscheint vielleicht weniger feindlich, wenn seine Geschichte sichtbar wird.

Älterwerden: Was würden Sie sehen, wenn Sie sich mit den Augen Ihres zukünftigen Ichs betrachten könnten?

Älterwerden bringt einen besonderen Widerspruch mit sich. Viele Menschen beklagen mit 30 Veränderungen, die sie mit 50 auf alten Fotos vermissen. Mit 50 betrachten sie Bilder aus ihren Dreißigern und wundern sich, weshalb sie damals so viel auszusetzen hatten. Und vielleicht wiederholt sich dieses Spiel noch einige Male.

Die Schriftstellerin Nora Ephron formulierte sinngemäß sehr humorvoll, wie sehr sie später bedauerte, ihre jüngere Figur nicht einfach genossen zu haben, statt sie kritisch zu betrachten.

Darin steckt eine überraschend ernste Frage: Was könnten Sie heute bereits wertschätzen, bevor Sie es erst Jahre später auf einem Foto erkennen?

Vielleicht würden Sie Ihre Arme anders ansehen, wenn Sie daran denken, wen sie im Laufe des Lebens gehalten haben. Vielleicht verlieren kleine Falten etwas von ihrer Bedrohlichkeit, wenn Sie darin auch Jahre voller Mimik, Lachen, Sorgen und Leben sehen. Vielleicht müssen graue Haare nicht grundsätzlich als Verlust verstanden werden, sondern dürfen schlicht sichtbar machen, dass Zeit vergangen ist.

Natürlich dürfen Sie Ihre Haare färben, Ihre Haut pflegen oder ästhetische Behandlungen interessant finden. Es geht nicht darum, jede Veränderung begeistert zu feiern. Entscheidend ist vielmehr, ob Älterwerden innerlich mit Wertverlust gleichgesetzt wird.

Ein Gesicht mit 60 erzählt eine andere Geschichte als eines mit 25. Warum sollte es versuchen müssen, dieselbe zu erzählen?

Sie müssen Ihren Körper nicht lieben, um Frieden mit ihm zu schließen

Der Satz „Liebe deinen Körper“ klingt wunderbar, kann aber selbst zu einer neuen Erwartung werden. Wer seinen Körper gerade schwierig findet, soll ihn nun plötzlich nicht nur akzeptieren, sondern am besten jeden Zentimeter begeistert feiern.

Das muss nicht sein.

Zwischen Ablehnung und großer Körperliebe liegt ein weiter Raum. Dort befinden sich Respekt, Neutralität, Fürsorge und Frieden.

Vielleicht müssen Sie Ihre Cellulite nicht schön finden. Vielleicht werden Narben niemals zu Ihren Lieblingsmerkmalen. Vielleicht möchten Sie Ihren Bauch verändern. All das darf sein.

Der entscheidende Punkt ist, dass Unzufriedenheit nicht automatisch Selbstabwertung nach sich ziehen muss. Sie können denken: „Ich würde mich mit weniger Gewicht wohler fühlen“, ohne daraus „So wie ich jetzt bin, bin ich nicht gut genug“ zu machen. Sie können Ihr Aussehen verändern wollen und trotzdem respektvoll mit dem heutigen Körper umgehen.

Dieser Unterschied ist klein in der Formulierung und groß in seiner Wirkung.

Vielleicht ist Körperfrieden deshalb ein hilfreicheres Ziel als permanente Körperliebe. Liebe schwankt. An manchen Tagen fühlen wir uns attraktiv, an anderen nicht. Frieden bedeutet eher, dass daraus kein täglicher Kampf entstehen muss.

Eine Frage, die erstaunlich viel verändern kann: Mache ich das für mich oder gegen mich?

Wenn Sie etwas an Ihrem Körper verändern möchten, lohnt sich gelegentlich diese einfache Frage.

Warum gehe ich heute trainieren? Weil Bewegung meinem Körper guttut und ich mich danach lebendiger fühle? Oder weil ich mich für das Essen vom Vorabend bestrafen möchte?

Warum möchte ich abnehmen? Weil ich gesundheitliche Gründe habe oder mich leichter und beweglicher fühlen möchte? Oder weil ich glaube, erst dann gesellschaftlich akzeptabel zu sein?

Warum möchte ich mich schminken? Weil es mir Freude macht und ich gern mit meinem Aussehen spiele? Oder weil ich mich ungeschminkt kaum noch zeigen möchte?

Warum kaufe ich dieses Pflegeprodukt? Weil ich meine Haut gerne pflege? Oder weil mir jemand eingeredet hat, sichtbares Alter sei ein persönliches Versäumnis?

Äußerlich kann dieselbe Handlung identisch aussehen. Innerlich kann sie aus völlig unterschiedlichen Motiven entstehen.

Selbstfürsorge und Selbstablehnung tragen manchmal dieselben Sportschuhe.

Betrachten Sie einmal ein altes Foto anders

Suchen Sie ein Foto von sich, das einige Jahre alt ist. Vielleicht fünf, vielleicht zehn oder zwanzig.

Versuchen Sie diesmal, nicht zuerst Ihre Figur anzusehen.

Erinnern Sie sich daran, wer Sie damals waren. Wo entstand das Foto? Wie sah Ihr Leben aus? Was beschäftigte Sie? Welche Menschen waren Ihnen wichtig? Wovor hatten Sie Angst? Worüber konnten Sie lachen? Welche Dinge, die heute selbstverständlich sind, wussten Sie damals noch nicht?

Und dann überlegen Sie, was Sie Ihrem früheren Ich heute sagen würden.

Wahrscheinlich wäre es nicht: „Du hättest wirklich dringend an deinen Oberarmen arbeiten sollen.“

Vielleicht würden Sie eher sagen: „Mach dir nicht so viele Gedanken über dein Aussehen.“ Vielleicht: „Genieß diese Zeit.“ Oder: „Du bist viel schöner, als du damals geglaubt hast.“

Nun drehen Sie das Gedankenexperiment um. Stellen Sie sich vor, Ihr zukünftiges Ich könnte heute neben Ihnen stehen und Ihren jetzigen Körper betrachten.

Was würde diese Person Ihnen wohl sagen?

Vielleicht wäre es etwas ganz Einfaches: Hör auf, dich ständig zu prüfen. Du bist gerade mitten in deinem Leben.

 

Welche Stimme möchten Sie in Zukunft hören, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Brené Brown schreibt über Zugehörigkeit:

„True belonging doesn’t require you to change who you are; it requires you to be who you are.“

Sinngemäß bedeutet das: Wirkliche Zugehörigkeit verlangt nicht, dass wir verändern, wer wir sind, sondern dass wir sein dürfen, wer wir sind.

Vielleicht lässt sich dieser Gedanke auch auf die Beziehung zum eigenen Körper übertragen.

Was wäre, wenn Sie nicht erst dünner, jünger, straffer oder fitter sein müssten, bevor Sie vollständig am eigenen Leben teilnehmen dürfen?

Was wäre, wenn schöne Kleidung nicht erst einer bestimmten Konfektionsgröße vorbehalten wäre? Wenn ein Foto nicht dokumentieren müsste, wie perfekt Sie aussehen, sondern einfach einen Moment festhalten dürfte? Wenn ein Urlaub nicht dadurch weniger wertvoll wäre, dass Ihr Bauch auf den Bildern sichtbar ist?

Und vielleicht lohnt sich noch eine andere Frage: Wer wären Sie, wenn Sie deutlich weniger Zeit damit verbringen würden, Ihren Körper zu beurteilen?

Was könnten Sie mit dieser Aufmerksamkeit anfangen? Würden Sie häufiger schwimmen gehen, tanzen, sich fotografieren lassen, jemanden kennenlernen, neue Kleidung ausprobieren oder einfach entspannter durch einen Raum gehen?

Manchmal besteht die Freiheit nicht darin, einen perfekten Körper zu bekommen. Manchmal entsteht sie dadurch, dass der eigene Körper nicht mehr ständig Hauptthema sein muss.

Wenn die Beschäftigung mit dem Körper immer größer wird

Es gibt einen Unterschied zwischen gelegentlicher Unzufriedenheit und einem Körperbild, das immer mehr Lebensbereiche bestimmt. Wenn Gedanken über Gewicht, Figur, Essen oder Aussehen sehr viel Zeit einnehmen, wenn Mahlzeiten starke Angst oder Schuldgefühle auslösen, wenn Sie sich ständig kontrollieren, zwanghaft trainieren oder soziale Situationen aus Scham zunehmend vermeiden, sollte das ernst genommen werden.

Auch häufiges Erbrechen, extremes Fasten, Essanfälle, die Einnahme von Abführ- oder Entwässerungsmitteln zur Gewichtsbeeinflussung oder starke Gewichtsschwankungen gehören nicht mehr in den Bereich eines gewöhnlichen schlechten Tages vor dem Spiegel.

In solchen Situationen ist es sinnvoll, Unterstützung anzunehmen. Eine hausärztliche Praxis, eine psychotherapeutische Praxis oder eine spezialisierte Beratungsstelle für Essstörungen können geeignete erste Ansprechpartner sein. Hilfe zu suchen bedeutet nicht, dass man mit seinem Körper „gescheitert“ ist. Es bedeutet lediglich, dass etwas zu viel Raum eingenommen hat, um es weiterhin allein tragen zu müssen.

Vielleicht haben wir unserem Körper die falsche Frage gestellt

Vielleicht lautet die wichtigste Veränderung gar nicht: „Wie kann ich meinen Körper endlich lieben?“

Vielleicht ist diese Frage schon wieder zu groß.

Vielleicht könnten andere Fragen an ihre Stelle treten: Wie spreche ich mit mir, wenn mir mein Spiegelbild nicht gefällt? Welche Vorstellungen über Schönheit habe ich übernommen, ohne sie jemals zu hinterfragen? Welche Dinge verschiebe ich, bis ich vermeintlich besser aussehe? Welche Menschen und Bilder tun meinem Selbstbild gut und welche nicht? Was kann mein Körper, das ich beinahe nie beachte? Und welche Eigenschaften machen mich aus, wenn mein Aussehen bei der Antwort einmal überhaupt keine Rolle spielen darf?

Vielleicht werden Sie feststellen, dass einige Ihrer Antworten überraschend sind.

Sie müssen Ihren Körper nicht jeden Morgen wunderschön finden. Sie dürfen Tage haben, an denen Sie sich unattraktiv fühlen. Sie dürfen etwas verändern wollen. Sie dürfen sich hübsch machen, trainieren, Ihre Haare färben, Gewicht verlieren oder eine neue Kleidung ausprobieren.

Aber all das darf eine Entscheidung sein und muss keine Voraussetzung dafür werden, sich selbst mit Respekt zu behandeln.

Denn Ihr Körper ist weder ein Vorher-Foto noch ein Projekt, das irgendwann endgültig abgeschlossen sein wird. Er wird sich weiter verändern, genauso wie Sie selbst.

Vielleicht ist deshalb ein freundlicher Blick auf den eigenen Körper nicht der Satz: „Ich finde alles an mir schön.“

Vielleicht beginnt er viel leiser.

Mit dem Gedanken, dass Sie nicht jede Falte mögen müssen, um Ihr Gesicht respektvoll anzusehen. Dass eine andere Kleidergröße nichts an Ihrer Persönlichkeit verändert. Dass ein Körper nach Schwangerschaft, Krankheit oder vielen Lebensjahren nicht so aussehen muss wie früher. Dass Sie Kleidung tragen dürfen, die heute passt. Dass Sie auf Fotos sichtbar sein dürfen. Dass Sie nicht warten müssen, bis Sie irgendeine imaginäre Ziellinie erreicht haben.

Und vielleicht können Sie beim nächsten Blick in den Spiegel für einen Augenblick darauf verzichten, sofort zu prüfen, was verändert werden müsste.

Sehen Sie einfach den Menschen darin.

Mit all seinen Erfahrungen, Eigenheiten, Beziehungen, Erinnerungen, Fähigkeiten, Hoffnungen und Plänen.

Sie haben einen Körper. Aber Sie sind keine Zahl auf einer Waage, keine Kleidergröße und kein Spiegelbild.

Vielleicht müssen Sie ihn nicht jeden Tag lieben.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn Sie aufhören, sich seinetwegen weniger wert zu finden.

Quellen der verwendeten Zitate und Gedanken

Kristin Neff – Self-Compassion
Gedanken und Informationen zum Konzept des Selbstmitgefühls.
https://self-compassion.org/

Brené Brown – True Belonging
Gedanken über Zugehörigkeit, Selbstannahme und Authentizität.
https://brenebrown.com/art/true-belonging/

Emily und Amelia Nagoski – TED Ideas
Gedanken zur Bewertung und Akzeptanz des eigenen Körpers nach den eigenen Maßstäben.
https://ideas.ted.com/if-youre-unhappy-with-your-body-just-repeat-after-us-you-are-the-new-hotness/

Bridgette Ugarte – TEDxEdina: Reshape your mind, not your body
Impuls zur Veränderung des eigenen Blicks auf Körper und Selbstbild.
https://www.ted.com/talks/bridgette_ugarte_reshape_your_mind_not_your_body

Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und soll dazu anregen, das eigene Körperbild und den persönlichen Selbstwert aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Er ersetzt keine individuelle ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.

Wenn Gedanken über Gewicht, Figur, Essen oder Aussehen Ihren Alltag stark bestimmen, wenn Essen regelmäßig mit Angst oder Schuld verbunden ist, Sie zwanghaft trainieren, Essanfälle erleben, erbrechen, Medikamente oder Abführmittel zur Gewichtskontrolle einsetzen oder sich aufgrund Ihres Körpers zunehmend aus sozialen Situationen zurückziehen, sollten Sie fachliche Unterstützung in Anspruch nehmen.

Bildquelle

Bildquelle: Jennifer Orth Gesundheitsblog, KI-generiert

Einige Illustrationen und Beitragsbilder auf dieser Website wurden mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und anschließend redaktionell ausgewählt bzw. bearbeitet.

Wissenschaftlicher Stand

Dieser Beitrag beschäftigt sich vor allem mit Selbstwahrnehmung, gesellschaftlichen Schönheitsvorstellungen und einem wertschätzenderen Umgang mit dem eigenen Körper. Medizinische oder psychische Beschwerden können individuell sehr unterschiedliche Ursachen haben und sollten bei entsprechendem Leidensdruck professionell abgeklärt werden.

Stand: August 2026

 

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